Fußball als Schutzraum für Männlichkeit? Ethnographische Anmerkungen zum Spielraum für Geschlechter im Stadion

Almut Sülzle (1)

Veränderungen im Fußballfeld?

Fußball und die Fußballfankultur sehe ich als wichtigen Ort gesellschaftlich wirksamer Konstruktionen von Männlichkeiten. Fußball ist Männersport, und Fußballfans sind normalerweise männlich. Mit Fußballfans wird Grölen und Saufen, Kameradschaft und Gewalt assoziiert. Zumindest für manche Fans ist das Fußballstadion der letzte Ort, an dem sie echte Männlichkeit – was auch immer das sein mag – leben können. Kurz: Fußball ist eine Männerwelt. Nicht so sehr die zahlenmäßige Überlegenheit männlicher Fußballfans (70 bis 80 Prozent), sondern der Mythos, die Geschichte und die kulturelle Wertigkeit des Fußballsports sind der Grund für die männliche Konnotation des Fußballstadions. Die hohe Aufmerksamkeit, die der Frauenfußball seit der gewonnenen Weltmeisterschaft 2004 genießt, zeigt eines deutlich: In den Medien werden Fußballerinnen, weibliche Fans und Sportschaumoderatorinnen zur Ausnahme stilisiert. Fußball ist also eine Männerdomäne und zugleich ein Feld, in dem sich einiges tut, in dem auch Geschlecht aktuell neu verhandelt wird. So sagt Stefan Krankenhagen eine Ausdifferenzierung des „streng männlich-heterosexuell geordneten Fußballkosmos“ voraus, indem er auf Verschiebungen von der Peripherie durch schwule Fancklubs und türkische Mädchenmannschaften verweist.(2) Zeitgleich entfernen sich einzelne Fußballer vom männlichen Heldenideal, indem sie zu Popstars werden, die (wie David Beckham) schon einmal zugeben, dass sie Frauenunterwäsche tragen oder gar für ein Schwulenmagazin als Pin-up posieren.

Fußball und Fankultur sind nicht Abbild oder Spiegel der Gesellschaft, was in soziologischer und ethnologischer Literatur über Fußballfans oft behauptet wird. In der Folge von Klaus Theweleits „Tor zur Welt“ ist die Betrachtungsweise „Fußball als Realitätsmodell“ wieder verstärkt in den Feuilletons sowie im Politik- und Wirtschaftsteil großer Zeitungen aufgetaucht und hat die Mode aufleben lassen, gesellschaftliche Veränderungen als Folge fußballerischer Entwicklungen zu diskutieren. Theweleit hat dazu eine „Regel“ aufgestellt: „Wer mitbekommt, was sich im Fußball wann und wie verschiebt, ist über andere Gesellschaftsbereiche osmotisch informiert“ (Theweleit 2004: 116). Schon alleine der geringe Anteil an Frauen und der noch geringere an Ausländern und offen Homosexuellen im Publikum spricht gegen die Gleichsetzung von Stadion und Gesellschaft. Matthias Marschik beschreibt den Fußball als „Rückzugsgebiet“ und „Reservat scheinbar ungebremster Maskulinität“, in dem gesellschaftliche Veränderungen zumindest kurzfristig keine Wirkung zeigen (Marschik 2003: 8). Zugleich stellt er fest, dass der Fußball aufgrund seiner Massenpopularität ein Ort ist, an dem gesellschaftlich wirksame kulturelle Vorstellungen geprägt werden. Fußball ist also ein Teil (und sicher nicht der fortschrittlichste) der Gesellschaft und mitnichten Abbild des gesellschaftlichen Ganzen.

Nicht nur Marschik nennt Fußball ein „Reservat“, das Bild des Stadions als eine Reservation, ein Schutz- und Rückzugsraum für überkommene Männlichkeitsvorstellungen erfreut sich in der Literatur über Fußballfans großer Beliebtheit (Becker 1990; Schwenzer in diesem Band; Marschik 2003; Böhnisch 2003). Peter Becker betont zusätzlich den Aspekt der Männlichkeitsschule: „Stehkurven und Stadionumfeld sind Reservate angehender Männer, deren Aktivitäten sich stets um die eng miteinander verknüpften Themen Macht und Ehre drehen“ (Becker 1990: 150). Das Bild „Reservat“ steht im Kontrast zu Beschreibungen der Fußballwelt als „Männerdomäne“, „Männerbund“ oder „Männerbastion“. Das Bild einer Männerbastion vermittelt Dominanz, da stehen die Männer in ihrer eigenen Welt unverrückbar im Zentrum und verteidigen sich heldenhaft gegen Angriffe von Außen, also z. B. gegen Frauen oder andere weibliche Elemente. Ein Reservat hingegen ist ein künstlich geschaffener, eingegrenzter Ort, an dem eine bestimmte Spezies vor dem Aussterben beschützt wird. Das Fremdwörterbuch (Duden 2003) übersetzt den Begriff so: „1. Sonderrecht (3), 2. natürliches Großraumgehege zum Schutz bestimmter, in freier Wildbahn lebender Tierarten und seltener Pflanzenarten“. Nun sind Männer ja nicht selten, aber die Formen hegemonialer Männlichkeiten entfernen sich immer mehr von der im Fußball zelebrierten proletarisch-körperlichen Männlichkeit.

Die Metapher „Reservat“ im Zusammenhang mit Menschen löst Assoziationen aus: Indianerschutzgebiete, Menschengruppen, die durch das Fortschreiten der westlichen Zivilisation vom Aussterben bedroht sind und Gebiete zugewiesen bekommen, mit Zäunen drumherum, bei denen nicht klar ist, wer vor wem geschützt werden soll. Bilder von Hoffnungslosigkeit, von Entwurzelung und Zwangsumsiedlung, ein Abdrängen an den gesellschaftlichen Rand und Perspektivlosigkeit, die in Alkohol ertränkt wird. Indianerreservate sind – innerhalb der Vorgaben des sie umgebenden Nationalstaates – selbstverwaltet, und auch Fankurven haben ihre eigenen Regeln, deren staatliche Anerkennung als Sonderrechte jedoch fehlt. Insbesondere das staatliche Gewaltmonopol wird von Fußballfans, wenn auch zumeist in ritualisierter Form, infrage gestellt. Fankultur wird als etwas Schützenswertes dargestellt, das durch die Kommerzialisierung des Fußball existenziell bedroht ist, darin sind sich Feuilletonschreiber, fußballaffine Wissenschaftler und Stehplatzpublikum einig.(4) Dirk Schümer stellt fest, dass Fußballfans auf mehrere Gebieten den Zeichen der Zeit hinterherhinken, bzw. ihnen die Gefolgschaft verweigern:

„Einen konformeren Zeitgenossen als den Fußballfan gibt es nicht. Überall sonst hat sich der Mensch aus dem angestammten Rollenmuster des Ständestaates befreit. Die Verheißung , jeder könnte ein Individuum werden, hat soziale Zeichen wie Brauchtum, Tracht, Konfession, Dialekt, Heimatbindung zurückgedrängt. Dabei ist im Prozess der Zivilisation eine semantische Leerstelle entstanden, die die Menschen selbst zu füllen haben: Die letzte Gruppe, die streng ritualisiertes Verhalten an den Tag legt, sich in farblich festgelegte Trachten hüllt, Wappen und Hymnen pflegt, einen eigenen Code benutzt und typischen Fangesängen mit einem schlichten, regional differenzierten Brauchtumskanon verpflichtet ist, sind die Fußballfans“ (Schümer 1996: 169)

In oft verkürztem Bezug auf Norbert Elias Zivilisationstheorie (5) wird Fußball gerne als zivilisatorisch zurückgeblieben, bzw. als noch unverfälschte/natürliche Form sozialen Agierens beschrieben und mit Stammesgesellschaften oder Kleinkindern verglichen. Dieselben Beobachtungen lassen sich aber auch als Versuch deuten, sich gesellschaftlichen Anforderungen und Zumutungen zu entziehen und gesellschaftliche Veränderungen zu kritisieren.

Trotz dieser Befunde einer bemerkenswerten Veränderungsresistenz der Fußballfankultur lassen sich sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen Veränderungen im Bezug auf Geschlecht beschreiben:

  1. Für die männerbewegte Linke wie für die Schwulenbewegung war die Ablehnung von hegemonialer Männlichkeit lange Zeit synonym mit der Ablehnung von Fußball. Diese Gleichsetzung gilt heute nicht mehr. (6)

  2. Das Interesse an Fußball ist nicht mehr exklusiv männlich: 51 Prozent der Frauen und 52 Prozent der Männer sagen in einer Emnid-Umfrage, sie schauen wichtige Länderspiele im Fernsehen an. Für die Bundesliga hingegen schalten 50 Prozent der Männer, aber nur 18 Prozent der Frauen ein (nach Gebauer 2004).

  3. Nach den Kommerzialisierungsvorstellungen der Vereinsmanager soll der Fußball ein familienfreundliches Ereignis werden – weg vom proletenhaften Stehplatzpublikum hin zu einem zahlungskräftigen Eventpublikum. Dadurch werden Frauen (genauer: Mütter und Ehefrauen) als Zuschauerinnen erstmals angesprochen und wahrgenommen. (7)

Trotz dieser Veränderungen erweist sich die Fußballfankultur als äußerst hartnäckig männlich, der Konnex Fußball und Männlichkeit wird meines Erachtens nach davon nicht in Frage gestellt. Meine These lautet vielmehr, dass die dort verkörperten traditionellen und an militärischen Werten orientierten Männlichkeiten ein wichtiger Faktor für Fußballfans (Frauen wie Männer) sind. Wie Brändle/Koller feststellen, erscheint Fußball als „ein Sport der in verschiedenen Bereichen ganz ausgeprägt von der Zurschaustellung von Männlichkeit lebt“ (Brändle/Koller 2002: 217), und ich möchte hinzufügen, dass die Schausteller weniger auf dem Feld, sondern mehr auf den Rängen zu finden sind. Darüber hinaus soll hier untersucht werden, ob Fußball mit der ihm innewohnenden symbolischen Darstellung einer gesellschaftlich veralteten traditionellen Männlichkeit nicht auch eine Art Rückgrat moderner hegemonialer Männlichkeit darstellt. Auf der Suche nach Antworten begeben wir uns an den Bieberer Berg, in den Fanblock der Offenbacher Kickers.(8) Im Folgenden werde ich anhand von sieben Thesen schlaglichtartig aufzeigen, wie Geschlecht und Geschlechterverhältnisse unter den Fans im Stadion hergestellt werden.

Erste These: Fußball ist männerbündisch organisiert.

Männerbünde definieren sich zuallererst durch den Ausschluss von Frauen und haben das Ziel, die gesellschaftliche Vorherrschaft von Männern aufrecht zu erhalten. Laut Eva Kreisky sind sie männerbezogene, hierarchisch organisierte Wertegemeinschaften, die neben einer rationalen auch eine „emotionale, affektive und häufig erotische Basis“ haben (vgl. Schweizer 1990). Die emotionale und auch affektive Involviertheit von Fußballfans ist auf den ersten Blick im Stadion ersichtlich und so präsent, dass oft davon gesprochen wird, Fußball sei der einzige Ort, an dem Männer Gefühle zeigen können. Auch die von mir interviewten – männlichen – Fans erzählten gerne über ihre emotionale Beteiligung und von vielen öffentlich vergossenen Tränen. Inwiefern das Handeln der Fans rational, also für sie selbst sinnhaft ist, wird sich später erweisen. Die hierarchische Organisation der Fankultur zeigt sich in den starr geregelten, z. B. von Richard Utz und Michael Benke nachgezeichneten, Wegen, wie aus „Novizen“ „Vorsinger“ oder „Veteranen“ werden können (Utz/Benke 1997: 104ff). Homoerotik ist im Fußball weitverbreitet, Küsse und Umarmungen sind auf dem Platz wie auf den Rängen üblich, und unter jugendlichen Auswärtsfahrern sind Männerstrips eine beliebte Unterhaltung.

Eva Kreisky sagt weiter:

„Männerbünde haben eigene Verkehrsformen, Wertmaßstäbe und Denkfiguren: Treue, Ehre, Gefolgschaft, Gehorsam, Unterwerfung. Männerbünde bedürfen der Aura des Geheimnisvollen. Initiationsriten, Zeremonien, magische Techniken und Sprache ‘verbinden’. Künstliche Feindbilder (Bolschewismus, Weiblichkeit) schweißen – trotz aller internen Differenzen und Gegensätze – zusammen“. (zit. nach Schweizer 1990: 24)

Das vordergründige Feindbild im Fußball ist selbstverständlich der „andere“ Verein, an Riten und Zeremonien herrscht in den Fangruppierungen kein Mangel, man denke nur an gemeinschaftliche Gesänge und Bewegungsabläufe oder Formen individuellen „Aberglaubens“, wie etwa die Vorstellung von Fans, ein bestimmtes Kleidungsstück, in bestimmter Weise getragen, könne der Mannschaft zum Sieg verhelfen.(9) Fußballfankultur weist große Übereinstimmung mit Männerbünden auf, nicht zuletzt durch ihre Abwertung und Ausgrenzung alles Weiblichen (zum Beispiel wenn schlechte Spieler als Mädchen beschimpft werden). Es handelt sich aber um eine männerbündische Kultur, die zu etwa einem Viertel aus Frauen besteht.

Zweite These: Fankultur bezieht sich auf ritterliche/militärische Ideale – Kämpfen, Treue, Kameradschaft, Konkurrenz

Aus den Interviews lassen sich die Leitbilder der Fankultur herausarbeiten, diese Ideale sind eng mit der männerbündischen Ausrichtung verknüpft. Die Fankultur setzt auf die ritterlichen (10) Ideale Kämpfen, Einsatz und Treue. Homosoziale Männergemeinschaften folgen, laut Michel Meuser, immer einer „Strukturlogik von Wettbewerb und Solidarität“ (Meuser 2004: 34). Ein echter Fan ist immer für den Verein da. Dafür verlangt er als einzige Gegenleistung, den Einsatz und Kampfeswillen der Mannschaft zu sehen und zu spüren. Die Spieler müssen ihr Letztes geben, dann ist es zweitrangig, ob sie gewinnen oder verlieren. Ein echter Fan lebt für den Verein und für die Fankultur in selbstloser Aufopferung. Kameradschaft untereinander wird groß geschrieben, und die Fanblocks unterschiedlicher Mannschaften konkurrieren um den besten Support und die beste Choreographie auf den Rängen. Diese Ideale werden von Frauen und Männern gleichermaßen geteilt. Oder anders ausgedrückt: Wer diese Ideale teilt, ist ein echter Fan, egal ob Mann oder Frau. Die Einteilung in „echte“ und „nicht echte“ Fans wird innerhalb der unterschiedlichen Fankulturen sehr wichtig genommen. Das auch von den (noch) nicht „Echten“ geteilte Idealbild des Fußballfans wird gerade durch die Anerkennung auch der „Unechten“ unumstößlich. Sicherlich zählt sich von den zahlenden Zuschauern nur ein kleiner Teil zu den wirklich „echten“ Fans, selbst im Fanblock halten viele diesen Titel für zu viel der Ehre für sich selbst. Der „echte Fan“, eine Form von dominanter Männlichkeit, die zwar viel beschrieben, aber selten genau so von Einzelnen gelebt wird, lebt durch die permanente Wiederholung in der Beschreibung, die fast schon einer Beschwörung gleicht. (11)

Dritte These: Sexismus gehört zur Fankultur

Sexismus im Stadion kommt in vielfältigen Formen und auf verschiedenen Ebenen vor. Sexismus in Bildern und Texten ist allgegenwärtig. So findet sich zum Beispiel auf der Fanseite einer begeisterten OFC-Anhängerin eine Sammlung von mehreren hundert Fangesängen, unter anderem der beliebte Song: „Wir sind die besten, wir komm’n aus Hessen, wir ham die Längsten, die andern kannst vergessen. Ham Lars Mayer und dicke Eier, und können immer wieder feiern“ (http://www.ofcjenni.de.vu [16.12.2004]). Die Song-Sammlerin kommentiert ihre Sammlung mit dem Ausspruch „das Stadion ist schließlich keine Kuschelecke“. Der Sexismus im direkten Umgang unter den Fans zeigt sich sicherlich am häufigsten im Zusammenhang mit der immer wieder mantraartig wiederholten Weisheit, dass Frauen von Natur aus Abseitsregeln nicht verstehen. Beliebt sind auch „Ausziehen, Ausziehen“-Rufe gegenüber Cheerleadern. Eine weitere Form nenne ich den „offiziellen Sexismus“, der aus Fußballgremien in die Öffentlichkeit getragen wird.

Diese Formen von Frauenfeindlichkeit und Sexismus sind wichtige Bestandteile der Fankultur. Folgendes Gedankenexperiment macht das deutlich: Es ist unvorstellbar, die jetzige Fankultur als Ganzes zu behalten, aber den Sexismus einfach wegzulassen. Dazu spielt er eine zu große Rolle für den Rekurs auf die Männlichkeitsvorstellungen, die die Fankultur prägen. Trotzdem bewegen sich nicht wenige Frauen mit Freude in diesem Umfeld. Eine Interviewpartnerin meint dazu: „Wieso nicht, hier ist es genauso frauenfeindlich wie draußen, nur offener“ (Ute, 30, Lehrerin). Über dumme Sprüche von Männern sagt Kerstin (23, Logopädin): „Ich lache halt drüber, ich finde das völlig in Ordnung, sonst würde ich ja nicht hingehen“. Was sie wirklich „hasst“, sind Frauen, die in weißen Hosen in den Fanblock kommen und sich dann darüber beschweren, wenn jemand Bier drüber spritzt: „Hier geht es halt manchmal etwas rauer zu, und so ein Rumgezicke mag ich nicht“. Mit der Ablehnung von zickiger Weiblichkeit wird im Gegenzug der Sexismus der Männer verniedlicht. Sexismus gehört, wie Saufen und Ungerechtigkeiten dem Schiedsrichter gegenüber, zum Fußball dazu. Indem die Frauen dies anerkennen, können sie sich selbst als Insiderinnen zu erkennen geben (vgl. Wetzel 2004).

Nicole Selmer beschreibt in „Watching the Boys Play“, inwiefern Frauen durch die Verharmlosung von Sexismus ihre Anwesenheit im Stadion rechtfertigen:

„Was hieße es denn, ernst zu nehmen, dass deine Anwesenheit und Kompetenz hinterfragt wird, noch bevor du einmal den Mund aufgemacht hast, dass Spieler beleidigt werden können, indem man sie als „Mädchen“ bezeichnet, dass Frauen wie selbstverständlich betatscht und als Ausziehpuppen behandelt werden können? [...] Das ernst zu nehmen und auf sich selbst zu beziehen, bedeutet, auf etwas zu verzichten, was eine so wichtige Rolle im Fußball spielt: Dabei sein, dazu gehören, Samstagnachmittag nach Hause ins Stadion kommen und dort willkommen sein. Wenn du als Frau auf der Tribüne die Männer neben dir wegen sexistischer Sprüche kritisierst, dann kann das eine Aufkündigung deines Fanstatus sein, der Ausstieg aus dem Boys’ Club, in den du doch gerade erst aufgenommen wurdest. Und das womöglich, um sich mit einem Cheerleader-Mädchen zu solidarisieren, deren Anwesenheit im Stadion dir eigentlich selbst auf die Nerven geht. Ist es das wirklich wert?“(Selmer 2004: 93)

Der Ausschluss durch Sexismus wird erst in dem Moment wirksam, wenn Frauen gegen ihn Stellung beziehen und damit die Grenze sichtbar machen, indem sie sich auf die Seite der Frauen stellen und so ihren Status als Fan unter Fans verlassen.

Dennoch gibt es weibliche Fußballfans, die sich von all dem nicht beeindrucken und schon gar nicht abschrecken lassen. „Als emotional beteiligter Fan beim Fußball zu sein, verändert nicht nur die Wahrnehmung der Berechtigung von gelben Karten, sondern auch die Sensibilität gegenüber sexistischen Sprüchen“ (Selmer 2004: 93). Für Fans sind andere Dinge am Fußball wichtig. Zuallererst – und das ist zentral – natürlich der Fußball, aber es gibt auch noch weitere Gründe, warum sie sich in der Fanszene bewegen.

Vierte These: Fußball als Männerwelt eröffnet die Freiheit, sich zwischen den Geschlechtern zu bewegen

Diese These ist auf den ersten Blick vielleicht überraschend, und ich behaupte sogar, dass Fußballfankultur diese Freiheit, wenn auch in unterschiedlicher Weise, sowohl für Frauen als auch für Männer zur Verfügung stellt. Kerstin beispielsweise sieht für sich im Stadion die Chance, nicht weiblich sein zu müssen:

„Also, ich komme mit der Masse Männer besser klar als mit der Masse Frauen, weil Frauen leider nie das sagen, was sie wirklich meinen, und ich hasse das. Also ich bin halt eben anders, ich sage halt knallhart ja oder nein, und dann meine ich das auch so, und ich finde es furchtbar, wenn Leute so um den heißen Brei rumreden, anstatt zu sagen, was sie wollen. Ich komme damit nicht klar, ich bin da ein bisschen anders.“

Kerstin ist anders als die „Masse der Frauen“, sie entspricht nicht dem Geschlechterklischee. Für Kerstin ist Fußball eine Möglichkeit, sich zwischen den Geschlechtern zu bewegen, weiblichen Rollenanforderungen nicht zu entsprechen und, zumindest eine Zeit lang, auch nicht an ihnen gemessen zu werden. Kerstin kommt mit Männern besser klar und nimmt an sich auch viele Eigenschaften wahr, die sie eigentlich als männlich ansieht, wie z. B. Ehrlichkeit und schonungslose Offenheit, statt „hintenrum“ und indirekt zu sein, was sie den meisten Frauen zuschreibt. Für Kerstin gibt es „die Masse Männer“, mit der sie besser klar kommt als mit „der Masse Frauen“. Sie unterscheidet mit dem Begriff „Masse“ nach Geschlechterklischees, und innerhalb dieser Klischees sind ihr die zugeschriebenen männlichen Eigenschaften sympathischer als die weiblichen. Einzelpersonen können sich aber zwischen diesen Polen frei bewegen. Die „Leute“, die um den heißen Brei herumreden, sind unsympathisch, und das können Frauen oder Männer sein, zumeist sind es aber Frauen. Aus dem Kanon an geschlechtskonnotierten Verhaltensweisen können sich Männer und Frauen die zu ihnen passenden Werte aussuchen, auch wenn sie gegengeschlechtlich sind. Das bringt die eigene Identität als Frau nicht ins Wanken. Durch diese Wahlfreiheit werden, politisch gesehen, Geschlechtergrenzen verschiebbar. Zugleich ist es in diesem System notwendig, die Geschlechterunterschiede beizubehalten, weil ohne die gegenüberliegenden Pole auch keine Wahl und keine Grenzüberschreitung in das Nachbarland mehr möglich ist.

Diesen Freiraum gibt es auch in ganz ähnlicher Weise für Männer. Lothar Böhnisch fragt, ob David Beckham, im Gegensatz zu Oliver Kahn, nicht eine „Gender Confusion“ im Fußball auslöst und kommt zu dem Schluss, dass „Beckham in der femininen Welt der Popszene zwar präsent ist, aber nie in ihr aufgeht, da er ja über den Fußball männlich geerdet ist. Ohne diese Erdung wäre er zwar ein Idol, aber kein männliches Idol“ (Böhnisch 2003: 230). Fußball ist also nicht nur ein Schutzraum (eben ein Reservat) für traditionelle Männlichkeit, sondern Fußball hat zugleich die wundersame Fähigkeit, Männer mit Mädchenhaarbändern, mit Ohrringen und in Damenunterwäsche männlich erscheinen zu lassen.

Das Stadion ist ein so männlich konnotierter Raum, dass es für Männer (unter dem Deckmantel Fußball) möglich wird, ganz unterschiedliche Männlichkeiten auszuleben, ohne in den Verdacht zu geraten, unmännlich zu sein. Das zeigt sich auch an den Berührungen unter Männern, die auf den Rängen möglich sind. Da wird umarmt, geherzt und geküsst, aber auch öffentlich geweint und getröstet. Auch Fürsorglichkeit für andere „harte Jungs“ gehört zum guten Ton. Im Fanblock gibt es ein Sammelsurium an „Gestalten“ und kuriosen Typen – und auf diese Buntheit und Vielfalt ist man in Fankreisen besonders stolz. Darunter sind auch viele Männer, die gemessen an den stadioninternen Männlichkeitsanforderungen, „Versager“ sind oder deren Körper nicht vom Sport gestählt, sondern vom Bier gerundet ist. Auch Fabian Brändle und Christian Koller verweisen auf die fußballerischen Kräfte der Vermännlichung:

„Die grundsätzlich männliche Konnotation des Fußballs erwies sich als zählebiger denn die einzelnen Konzepte von Männlichkeit, die sich nicht nur über die Zeit veränderten, sondern teilweise zum selben Zeitpunkt je nach sozialer Schicht stark differierten [...]. Interessanterweise waren aber verschiedene Männlichkeitskonzepte – der emotionslose ‘upper class’-Gentleman, der raue Bergarbeiter oder der hyperpotente rebellische Jungstar – mit dem Fußball kompatibel, während die Konzepte der Weiblichkeit stets außen vor blieben.“ (Brändle/Koller 2002: 231)

Selbst Männer, die auf den ersten Blick sehr weiblich wirken, müssen nicht befürchten, ausgegrenzt oder angegriffen zu werden – natürlich unter der Bedingung, dass sie glaubhaft versichern können, nicht schwul zu sein. Sie alle sind alleine durch ihre Anwesenheit im Fanblock irgendwie eine Gemeinschaft und irgendwie männlich. Selbst Frauen können in diesen bunten Männerverein aufgenommen werden, denn ausgeschlossen werden nur „weibliche Konzepte“, nicht aber einzelne Frauen, schon gar nicht wenn diese ebenfalls die Werte der fußballerischen Fankultur vertreten.

Fünfte These: Männergewalt macht Stimmung

Gewalt spielt im Stadion auf mehreren Ebenen eine Rolle. Fans haben generell den Ruf gewalttätig zu sein, zudem provozieren Hooligans, gewalttätige Ordner und die Polizei eine aggressive Stimmung, die im Stadion als selbstverständlich anzusehen ist. Alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sind in unterschiedlicher Weise von dieser aufgeladenen Atmosphäre fasziniert. Am meisten kann sich Kerstin dafür begeistern:

„Bei irgendeinem Heimspiel da waren auch so viele Fehlentscheidungen vom Schiedsrichter, und also das war richtig fies irgendwie, und da sind sie bei uns da unten alle auf die Zäune hoch und haben dann den Zaun fast umgerissen, und da hätte es echt fast noch richtig Stress gegeben, und irgendwie ist es zwar asozial, ich würde es auch selber nie machen, aber… wenn die anderen das machen, das finde ich, das überläuft mich dann immer, ich weiß auch nicht (Lachen).“

Das Interessante ist also gerade die Gewalt, die Männer gegeneinander und miteinander ausüben, beziehungsweise die Gänsehaut, die beim Zuschauen entsteht. Beteiligen möchte sich Kerstin an den körperlichen Auseinandersetzungen nicht, auch wenn sie schon mal einen Kumpel aus dem Kampfgetümmel zieht, um ihn zu schützen. Zumeist gibt es ja gar keine realen gewalttätigen Auseinandersetzungen, sondern nur eine „gewaltige“ Stimmung. Der Polizei wird dabei am Spielrand die Rolle zugewiesen, die Gefährlichkeit der Fans zu untersteichen und die Stimmung zu perfektionieren.

Sechste These: Typisch weiblich? Nein Danke!

Neben den echten Fans, die sich dadurch auszeichnen, dass sie die oben beschriebenen Ideale der Fankultur weitertragen und hochhalten, gibt es noch andere Gruppen, die das Stadion bevölkern. Für jedes Geschlecht sind innerhalb der Fankultur verschiedene Rollen vorgesehen, die „Frauenrollen“ lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Die Freundin von ... wird mitgeschleppt, zumeist von einem Mann, und hat keine Ahnung von Fußball
  • Die Groupies himmeln einen Spieler wie einen Popstar an und verletzen damit das Gebot der Vereinstreue, denn Spieler kommen und gehen, Fans bleiben.
  • Die Cheerleader sind dumm, zickig und eine Sonderform der Groupies.
  • Der echte Fan, weiblich unterscheidet sich fast nicht vom echten Fan, männlich.

Gemeinsam ist den ersten drei Gruppen, dass sie mit der Begründung „Das sind doch keine Fans“ von den echten Fans, weiblich wie männlich, abgelehnt und lächerlich gemacht werden. Was Daniela Schulz in ihrem Fußballroman „Kurvengänge“ über Cheerleader schreibt, deckt sich mit der Meinung meiner Interviewpartnerinnen:

Über diese aufgetakelten selbstherrlichen Tussen [muss ich mich aufregen], weil sie das zerstören, worum ich schon Jahre kämpfe: Nämlich dass wir Frauen in der Fußballszene als gleichberechtigte und kompetente Gesprächspartnerinnen angesehen werden. Da kommen diese Weiber einfach so in ihren kurzen Röcken dahergelaufen, wackeln dreimal mit dem Hintern, und prompt wird man als weiblicher Fan wieder auf dieses eine Frauenbild reduziert: Blond, blöd und zum Ficken da. Cheerleader haben beim Fußball nichts zu suchen (Schulz 2004: 138).

Die Beschreibung ihrer Ablehnung des Cheerleadings geht bei der neunzehnjährigen Bürokauffrau Kassandra dann auch über in eine Ablehnung von weiblich gekleideten Spielbesucherinnen:

„Was ich halt auch viel sehe, sind besonders im Sommer [so Mädchen], da frage ich mich, was wollen die hier? Die kommen doch eigentlich nur her, um Jungs aufzureißen oder um sich Männer beim Fußball anzugucken, ja aber nicht, weil sie der Sport interessiert oder diese Mannschaft Kickers Offenbach. Das passt zum Fußball überhaupt nicht.“

Die Klassifizierung der Frauen orientiert sich vor allem an Äußerlichkeiten: Alles, was weiblich oder sexy aussieht, passt nicht zum Fußball, und wer so aussieht, hat auch die Regeln des Fan-Seins nicht kapiert. Über diese Ablehnung findet eine Auseinandersetzung mit traditionell Weiblichem statt, und die „echten Fans“ können sich selbst als außerhalb dieser traditionellen Weiblichkeit definieren.

Siebte These: Die Männerwelt soll Männerwelt bleiben.

Für die interviewten Frauen und Männer ist Fußball Männersache, sie gehen davon aus, dass das auch so bleibt und auch gut so sei. Sie führen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf die unterschiedliche Sozialisation zurück: Bei Jungs ist es eben schon von klein auf so, dass sie mit Fußball konfrontiert werden. Sie sehen auch, dass ein paar Frauen mehr nichts daran ändern, dass es sich hier um eine Männerwelt handelt.

Kerstin findet es angenehm, sich in dieser Männerwelt zu bewegen, daher hat sie auch keinen Grund, sich Veränderung zu wünschen. Wichtig ist nur, dass sie auch als Frau die Möglichkeit hat, akzeptiert zu werden und ein „echter Fan“ zu sein. Ganz ähnlich sehen das auch die anderen weiblichen Fans. Und alle sind sich (mehr oder weniger direkt ausgesprochen) darüber einig, dass ihre Form, an einer Männerwelt teilzunehmen und Respekt als „echte“ Fans in dieser Welt zu bekommen, nur funktionieren kann, solange es eine Männerwelt bleibt. Darum ist es nur logisch, dass sie selbst ein Interesse daran haben, den Nimbus der Männerwelt Fußball aufrecht zu erhalten. Auf die Frage, ob sie sich wünscht, dass mehr Frauen ins Stadion kommen, lacht Ute zuerst und antwortet dann:

Ich finde das eine ganz schwierige Sache, also natürlich würde ich mir das einerseits mehr wünschen. Weil ich dann nicht mehr ganz so viel Gratwanderung habe, weil ich mehr Leute habe, mit denen ich vielleicht auf einem Nenner bin, aber natürlich ist für mich ja die Faszination dabei, dass ich mich in dieser Szene durchsetze, ja? Also einerseits wünsche ich mir mehr Frauen, damit es mehr da so wird, wie ich mich normalerweise in meiner normalen Welt wohlfühlen würde, [...] aber andererseits geht ja der Reiz grade dann weg.

Zusammenfassend meint sie dann, sei ein Wegfall dieser Ausnahmeposition in der Männerwelt „irgendwie eine Auflösung dessen, was ich da eigentlich habe“.

Frauen im Reservat der Männlichkeit

Alles in allem ist das Fußballfan-Sein für Frauen ein Hochseilakt auf mehreren Seilen zugleich, aber gerade diese Schwierigkeit scheint auch einen Teil des Reizes auszumachen. Sie bewegen sich im Reservat der Männlichkeit und fühlen sich dort auch noch wohl. Was hält weibliche „echte“ Fans im Zentrum der „echten“ Männlichkeit, beziehungsweise innerhalb einer männerbündisch organisierten Gruppe, und an einem Ort, an dem sie per Definition eigentlich gar nicht sein dürften? Wer sich dort durchsetzt, lernt, wie Männerbünde funktionieren, ein Wissen, das in einer patriarchal organisierten Gesellschaft für Frauen sicherlich sinnvoll ist; ein Wissen nicht nur für den Fußball, sondern für das Leben. Fußballfans der Gattung „echter Fan Komma weiblich“ bewegen sich als Fans in einer männlichen Welt, ohne durch ihre Geschlechtszugehörigkeit aufzufallen. Die Informationen über Wirkungsweisen und Strategien im Geschlechterverhältnis, die sie dadurch sammeln, nutzen sie jedoch nicht, um gegen die Männerwelt Fußball anzugehen. Vielmehr verwenden sie dieses Wissen, um außerhalb des Fußballs ihr Standing bei machtpolitischen Aushandlungen zu verbessern. Kassandra verblüfft ihre Kollegen und Kolleginnen manchmal durch laut vorgetragene Argumente, und die kleine zierliche Ute verschafft sich durch ihr Fußballwissen und -auftreten in jeder Hauptschule Autorität. Und ich bin mir sicher, keine der von mir befragten Frauen, ob sie sich jetzt im Alltag eher weiblich oder männlich geben, lässt sich im Büro oder auf dem Amt von Männern oder Chefs einschüchtern, die aggressive Drohgebärden gegen selbstbewusste Frauen einsetzten. Sie haben gelernt, damit umzugehen – jedes Wochenende wieder.

Frauen sind in der Fankurve etwas Besonderes, und das wollen sie auch bleiben. Sie sind inmitten der Fankultur, weil sie sich für Fußball interessieren, aber wenn ihnen das Stadion nicht gefallen würde, würden sie vermutlich (wie viele andere Frauen auch) Fußball im Fernsehen sehen. Sie haben sich nämlich unter anderem darum in die Fankurve begeben, weil sie im Fußball einen Ort gesucht haben, an dem sie nicht ständig mit der Zumutung konfrontiert werden, sich „wie ein richtiges Mädchen“ zu benehmen. Im Gegenteil: Hier erhalten sie Anerkennung dafür, wenn sie sich wie ein richtiger Fan verhalten. Damit schaffen sie sich einen Freiraum, in dem sie nicht vorrangig über ihr Geschlecht definiert werden. Das ist aber nur möglich, weil sie in einer Männerwelt untertauchen, die so stark traditionell männlich geprägt ist, dass die Anwesenheit einiger Frauen in der Kurve dieses Gebilde nicht ins Wanken bringt. Es geht mir nicht darum, den weiblichen Fans vorzuwerfen, sie verschlössen die Augen vor den sexistischen Zumutungen des Fußballumfeldes. Sondern im Gegenteil möchte ich aufzeigen, dass Frauen gerade an Orten, die männerbündisch organisiert sind, Experimentierfelder finden, sich jenseits vorgefertigter Geschlechterrollen zu bewegen und damit zeitweise das Geschlechterspiel aus einem gänzlich anderen Blickwinkel zu betrachten. Ironischerweise, aber nicht überraschend geschieht dies zu dem Preis, die Wirksamkeit der Geschlechterdichotomie im Männerbund Fußball weiter zu verstärken und den dort verorteten Sexismus zu verharmlosen.

Zum Kern des männerbündischen Fußballsports gehören für mich sowohl Gewalt als auch Sexismus. Die Männlichkeit des Fußballs funktioniert über die Abgrenzung zu Frauen und Schwulen, die in Sexismus und Schwulenfeindlichkeit mündet. Das bedeutet nicht, dass Veränderungen im Geschlechterkosmos auf den Stadionrängen nicht möglich wären. Vermutlich kommen sie aber eher von außen: zum Beispiel von Frauen, die nicht in den Klub der „echten Fans“ aufgenommen werden wollen und andere Wege suchen, sich im Stadion zu behaupten, etwa indem sie Kreisch-Ecken bilden. Katrin Kipp sieht in der Praxis kreischender Mädchengruppen Anleihen aus der Popkultur: „Ohne Geschlechterklischees strapazieren zu wollen, möchte ich behaupten, dass vor allem in der Bundesliga junge Mädchen ihre Fankultur ‘mitbringen’, die sie in anderen Fanbereichen (z. B. Popmusik) entwickelt haben“ (Kipp 1998: 47). Es ist aber auch ein zunehmend ironischer Umgang mit Sexismus im Fußball vonseiten der Frauen zu beobachten, indem beispielsweise für alle umstehenden Fans gut hörbar die körperlichen Vorzüge der Spieler von Frau zu Frau besprochen werden, um dann nahtlos wieder in den männlichen Expertenjargon zu verfallen. Oder wenn auf Initiative des Frauen-Fanklubs ein Mister Stadion gewählt wird und damit ein sexualisierter Blick auf den männlichen (Zuschauer-)Körper unter den Fans für Verwirrung sorgt (vgl. Selmer 2004: 51ff.). Solche ironischen Einwürfe können sich aber nur die Frauen leisten, die in der Fankultur gut verwurzelt sind.

Fußball-Männlichkeit als Erdung von hegemonialer Männlichkeit

„Hierzulande ist Fußball ein Inbegriff des Männlichen“, so beginnen Fabian Brändle und Christian Koller ihr Kapitel „Fußball und Geschlecht“ (Brändle/Koller 2002: 207). Das wirft wiederum die eingangs gestellte Frage auf, was Fußball denn mit hegemonialer Männlichkeit zu tun hat. Die im Fußball vertretenen Werte, die dortigen Formen des Sexismus, das Laute, Chaotische und Gewalttätige, die offensichtliche gesellschaftliche Randständigkeit der Fans: All das verweist auf aussterbende Formen von stark proletarisch geprägter Männlichkeit, auf Formen protestierender Männlichkeit, nicht aber auf das, was Robert Connell als hegemoniale Männlichkeit bezeichnet: „jene Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur des Geschlechterverhältnisses die bestimmende Position einnimmt“ (Connell 2000: 97). Die derzeitige hegemoniale Männlichkeit wird eher durch Finanzfachmänner oder Wissensmanager repräsentiert, deren Wertekosmos fernab der Fußballfankultur liegt. Das gilt aber nur auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich eine bemerkenswerte Tendenz zur Verbrüderung mit dem Fußball. Politiker und Banker kokettieren im Stadion mit ihrer Volksnähe, Feuilletonisten und Professoren der Sozial- und Naturwissenschaften beweisen durch Fußball-Faktenwissen ihre Menschlichkeit. Eva Kreisky verweist auf den sozialen Ort Fußballplatz, auf dem sich Politiker gerne zeigen: „indem sich Politiker als ganz normale Männer geben, die – wie eben andere Männer auch – auf den Fußballplatz gehen. Über dieses männliche Zusammengehörigkeitsgefühl wird die Illusion genährt, dass die politische Klasse eigentlich gar nicht so fremd und sozial abgehoben ist.“ (zit. nach Schweizer 1990: 24). Auch hier dient Fußball der „Erdung“ (Böhnisch über Beckham, vergleiche These vier) von Männern. Diese Erdung lässt sich beschreiben als Rückgriff auf die „gute, alte“ Männlichkeit in der „guten, alten Zeit“, als vermeintlich noch klar war, was genau Männlichkeit ist, und als Männer-Orte noch ganz frei von Frauen waren. Diese Männlichkeit wird in der Rückschau singulär und ist nicht mehr von Klassenunterschieden bestimmt, tendiert aber eher zum Proletarisch-Körperlichen. Fußball, Autos, Militär und Technik – das war einmal wahrhaft männlich. Und selbst die hartgesottenen Fans aus der Kurve verhalten sich im „richtigen Leben“ anders als auf dem Fußballplatz, auch sie nehmen die Wochenendausflüge in die Fußballstadien als Sonderwelt mit eigenen Regeln wahr. Der Begriff „Reservat“ leitet sich vom lateinischen reservare, aufbewahren ab. Das Fußballstadion wird damit zum Ort der Vorratshaltung von Männlichkeit und Fußball zur Notration an Männlichkeit, eben „die Pille für den Mann“ wie es die Sportschau in ihrer Eigenwerbung zum Saisonstart 2005/2006 auf den Punkt bringt. Sind Fußballfans dann Ewiggestrige? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Fußballfans sich ihre Fußballmännlichkeit nur für diesen Ort aufbewahren, sie nur dort anlegen und eben nicht prinzipiell rückständig sondern eher partiell rückwärtsgewandt sind? Meiner Meinung nach können die heutigen dominanten, offensichtlich vielfältigeren Männlichkeiten qua Fußball Rückgriffe auf traditionelle Männlichkeitsvorstellungen vollführen, und so komme ich nun zu der nicht mehr überraschenden These, dass Fußball unter anderem dazu dienlich ist, beliebig widersprüchliche Dinge, Menschen, Bilder und Verhaltensweisen männlich zu machen. Schon eine geschickt eingesetzte Fußballmetapher genügt für ein männerbündisches Augenzwinkern über alle Milieus hinweg, und es darf sogar manchmal eine Frau sein, die zurückzwinkert.


1 Dieser Beitrag ist die überarbeitete Fassung meines 2005 erschienenen Aufsatzes „Männerbund Fußball: Spielraum für Geschlechter im Stadion“ (Sülzle 2005). Meine Beschäftigung mit Fußballfans ist Teil einer ethnographischen Untersuchung, die in den Männerdomänen Bundeswehr, Elektrotechnik und Fußball nach den jeweiligen Sichtweisen auf das Geschlechterverhältnis fragt und aufzeigt, mit welchen Strategien sich junge Frauen in diesen Feldern bewegen.


 

2 Im Ankündigungstext für das Studierendenprojekt Fußball (SoSe 2004), Europäische Ethnologie, HU Berlin.

 

3 Rechte, die bestimmten Personen oder Gebieten zugesprochen werden, so z. B. die Sonderrechte der Hansestädte im Deutschen Reich oder die Rechte, die der Kaiser im Deutschen Reich ohne Mitwirkung des Reichstags ausüben durfte.

 

4 „Geld macht keine Stimmung“ überschreibt Tobias Schall einen Artikel zum Thema in der Sonntag Aktuell vom 31.7.2005, darin zitiert er einen VfB-Fan: „Wir Fans sind nur noch geduldet, weil wir viel Kohle ausgeben und ein leeres Stadion im Fernsehen schlecht rüberkommt“.

 

5 Laut Norbert Elias ist die zunehmende Reglementierung des Sport selbst ein wichtiger Teil des Zivilisationsprozesses. Zudem weist Elias darauf hin, dass die abwertende Beurteilung „unzivilisierten“ Verhaltens Ausdruck eines „ethnozentristischen Werturteils“ sei (Elias 1979: 86).

 

6 Vereinzelt gibt es schwule Fanklubs (z. B. Herta-Junxx; Stuttgarter Junxx, Dynamo Junxx, Rainbow-Borussen), die spätestens seit der Fußballkomödie „Männer wie wir“ von großem Medieninteresse begleitet werden; vgl. „Hauptsache, ihr packt mich im Stadion nicht an“, Stuttgarter Zeitung vom 6.11.2004 oder die Sonderseite „Schwule im Fußball“ in der Frankfurter Rundschau vom 15.11.2004.

 

7 Laut einer bisher nicht veröffentlichten Untersuchung des Tübinger Sportwissenschaftlers Ansgar Thiel (Vortrag am 15.6.2004 zur Globalisierung des Fußballs, Universität Tübingen), erreicht der FC Bayern mit seinem familienorientierten Marketing im Stadion eine Frauenquote von über 40 Prozent.

 

8 Neben teilnehmender Beobachtung bei OFC-Fans über drei Spielzeiten (in der Regionalliga Süd), stützen sich meine Aussagen auf neun qualitative Interviews mit drei Männern und sechs Frauen aus der aktiven Fanszene im Block Zwei, dem Fanblock. Die Offenbacher Kickers (OFC) leben vom Nimbus des Traditions- und Arbeitervereins. Sie spielen seit der Saison 2005/06 in der zweiten Bundesliga. Die Anhänger des OFC galten dagegen schon vorher als mindestens zweitligatauglich und haben den Ruf, besonders treu und auch besonders gefährlich zu sein. Legendär ist die Feindschaft gegenüber Eintracht Frankfurt, genährt durch das permanente Gefühl, im Schatten der Banken-, „Bonzen“- und DFB-Stadt auf der anderen Mainseite zu stehen.

 

9 Die ethnographische Fußballliteratur bietet einige Untersuchungen zu Ritualen, beispielsweise Kipp 1998, Becker/Pilz 1988, Lindner 1980.

 

10 Zur Ritterlichkeit in der Hooligan-Szene siehe auch Konstantinidis 2000 und Matthesius 1992. Grundsätzlich finden sich im Fanblock der Offenbacher Kickers durchaus ähnliche Ideale wie in der Hooligan-Szene. Bei den von mir untersuchten Fans führen diese Ideale jedoch nicht wie bei den Hooligans zu einem Ausschluss von Frauen von den zentralen Praxen (im Fall der Hooligans den Prügeleien). Vielmehr können im Fanblock diese Ideale von Frauen wie Männern geteilt und gelebt werden.

 

11 Die inhaltliche Auffüllung dessen, was genau ein echter Fan ist, variiert sowohl zwischen unterschiedlichen Vereinen (abhängig von der Verortung des Vereins als proletarisch, ostdeutsch usw.) als auch zwischen Tribünensitzern, Fanblockstehern und Hooligans (vergleiche Binroth 2003, Schwenzer 2002).

Literatur

Binroth, Andreas: Der „wahre“ Fan, in: Schmidt-Lauber, Brigitta (Hg.): FC St. Pauli: Zur Ethnographie eines Vereins. Münster 2003, 65–81.

Becker, Peter; Pilz, Gunter: Die Welt der Fans: Aspekte einer Jugendkultur, München 1988.

Böhnisch, Lothar: Die Entgrenzung der Männlichkeit: Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang. Opladen 2003.

Brändle, Fabian; Koller, Christian: Goal! Kultur und Sozialgeschichte des modernen Fußballs. Zürich 2002.

Connell, Robert: Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 2000.

Elias, Norbert: Die Genese des Sports als soziologisches Problem. In: Hammerich, Kurt/Heinemann, Klaus: Texte zur Soziologie des Sports. Schorndorf 1979, 81–109.

Gebauer, Gunter: „Stürmt ihr Helden“. In: Die Zeit vom 10.06.2004.

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Kipp, Kathrin: „Wer nicht hüpft, der ist ein Ulmer!“ Zu den kulturellen Praktiken von Fußballfans in der Regionalliga am Beispiel der Fans des SSV Reutlingen 05. Magisterarbeit. Tübingen 1998.

Konstantinidis, Elena: Frauen in der Hooligan-Szene: Zur Konstruktion von Geschlecht in subkulturellen Praxen, Lizentiatsarbeit. Freiburg (Schweiz) 2000.

Lindner, Rolf (Hg.): Der Fußballfan. Ansichten vom Zuschauer. Frankfurt a. M. 1980.

Marschik, Matthias: Frauenfußball und Maskulinität. Münster 2003.

Matthesius, Beate: Anti-Sozial-Front: Vom Fußballfan zum Hooligan. Opladen 1992.

Meuser, Michael: Geschlechterforschung und Soziologie der Männlichkeit, in: Döge, Peter; Kassner, Karsten; Schambach, Gabriele (Hg): Schaustelle Gender: Aktuelle Beiträge sozialwissenschaftlicher Geschlechterforschung. Bielefeld 2004, 29–40.

O.F.C. Kickers (Hg.): Kickers Offenbach: Die ersten 100 Jahre. Offenbach 2001.

Schulz, Daniela: Kurvengänge: Der erste Fußballroman einer Frau. Köln 2004.

Schümer, Dirk: Gott ist rund. Die Kultur des Fußballs. Berlin 1996

Schweizer, Thomas: Männerbünde und ihr kultureller Kontext im weltweiten interkulturellen Vergleich, in: Völger, Gisela; Welck, Karin (Hg.): Männerbande Männerbünde: Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich. Köln 1990, 23–30.

Schwenzer, Victoria: Fußball als kulturelles Ereignis: Eine ethnologische Untersuchung am Beispiel des 1. FC Union Berlin, in: Zentrum für Europa- und Nordamerikastudien (Hg.): Fußballwelten. Zum Verhältnis von Sport, Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Opladen, 2002, 87–115.

Selmer, Nicole: Watching the Boys Play: Frauen als Fußballfans. Kassel 2004.

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Wetzel, Steffie: Frauen in der Fußball-Fanszene: Weibliche Selbstdarstellung und Selbstwahrnehmung im Kontext eines männlich dominierten Umfelds, Diplomarbeit. Frankfurt a. M. 2000.

Wetzel, Steffie: Ich habe Fever Pitch nie zu Ende gelesen. Gedanken zu Sexismus in der Fanszene. In: BAFF (Hg.): Ballbesitz ist Diebstahl. Fans zwischen Kultur und Kommerz. Göttingen 2004, 144–148.