Zur Gewaltprävention bei Fußballgroßveranstaltungen

Frankfurt am Main, den 5. September 2001
Thomas Schneider, Michael Gabriel

Die deutschen Fan-Projekte entwickelten - in enger Kooperation mit dem DFB und regierungsnahen Institutionen - in den vergangenen 20 Jahren unterschiedliche Maßnahmen, die allesamt der Zuschauerbetreuung bei internationalen Großveranstaltungen im weitesten Sinne gewidmet waren. Dabei stellte sich insbesondere heraus, dass neben den unterschiedlichen Maßnahmen der Ordnungs- und Sicherheitsorgane der sozialpräventiven und soziokulturellen Betreuung ein bedeutendes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.

Noch in den 80er und 90er Jahren wurden die Besucher von Fußballwelt- und -europameisterschaften weitestgehend sich selbst oder den Sicherheitskräften überlassen, was bei den Betroffenen nicht selten zur Frustration oder Aggression geführt hat: Ausweispapiere und Geld gestohlen - und die Botschaft hat geschlossen; Missverständnisse mit der Polizei und dem Ordnungsdienst aufgrund fehlender Sprachkenntnisse, etwas laut geworden - und schon in Gewahrsam.

So oder ähnlich geht es einer vielköpfigen Anhängerschaft, die ihren Lieblingsteams hinterher reist. Außerdem beschränkten sich Veranstalter und Ausrichtungsort in der Regel auf die „normalen Angebote“, was oftmals bedeutete, dass Fan sich nur auf die 90 Minuten freuen durfte, ansonsten war es eher ungastlich.

In den 80er, 90er Jahren traten jedoch auch in unschöner Regelmäßigkeit Hooligans auf und störten Bewohner und Schlachtenbummler in den Städten, richteten vielfach Sachbeschädigungen an. Immer wieder las man dann in den Presseberichten, dass sie sich nach der Störung unerkannt in der Menge versteckt hätten.
Setzte man zunächst noch vielfach auf die Isolation der Hooligangruppen und fokussierte die gesamte Ordnung des öffentlichen Raums auf potentielle Störergruppen, so unternahmen in den vergangenen Jahren immer mehr Ausrichter die Überlegung eines sog. Hospitality-Gedankens: wer sich gut aufgenommen und versorgt fühlt, dessen Motivation zum Stören ist deutlich geringer.

Dem folgend setzte sich die zentrale Forderung der Fanexperten - insbesondere aus Deutschland und England - zunehmend durch, welch eine soziale und kulturelle Grundversorgung für die Fans als ein entscheidendes Mittel auch zur Gewaltprävention ansieht: günstige Übernachtungsmöglichkeiten oder Zeltlager, Videogroßleinwände (als Mittel gegen den unsäglichen Schwarzmarkt), fußball- und fanspezifische Musik-, Kino-, Ausstellungsprogramme, sog. Fan-Botschaften als Service-, Kommunikations- und Anlaufstellen, die Unterhaltung spezifischer Internet-Angebote zur allgemeinen Information und als innovative Kommunikationsplattform.

Während die Sicherheitsanstrengungen in den Stadien nahezu ausgereizt sind, bietet sich im Umfeld von Fußballgroßereignissen noch eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Besuch eines Fußballspiels zu einem geselligen und kommunikativen Ereignis zu machen. Fußballfans, die nicht nur gespannt auf das Spiel, sondern wohlgelaunt und ohne Probleme ins Stadion kommen, machen auch keine Probleme.

Die deutschen Erfahrungen bei der WM 1990 (Italien) und 1998 (Frankreich), der EM 1992 (Schweden), 1996 (England) und 2000 (Niederlande, Belgien) haben überzeugend dargelegt, dass die Betreuung von Fußballfans im Ausland, in einer für die Fans in aller Regel unbekannten Umgebung mit einer häufig nicht verständlichen Sprache, viele Irritationen ausräumen half. Dabei legten wir immer wieder Wert auf Begegnungen zwischen den Fan-Gruppen, um Vorurteile abzubauen und Freundschaften sich entwickeln zu lassen. Denn: Fans sind neugierig auf die anderen Fans, nicht feindselig. Etwas voneinander erfahren lässt sich so noch am ehesten bspw. bei Fußballturnieren der Fangruppen, gemeinsamen Kneipen- und Konzertbesuchen.
Einfache und fanfreundliche Verkehrsverbindungen, das Willkommenheißen nicht nur mit dem „freundlichen Gesicht“ eines Kneipenbesitzers, landesspezifisch geschmückte Schaufenster und Strassen, mehrsprachige Speisekarten, an Wochenenden gesondert geöffnete Banken - all dies wird den Veranstaltern und Gastgebern gedankt: mit einem angemesseneren, respektvolleren Benehmen der Gäste.

Und wenn denn doch Hooligans eine solche Veranstaltung stören wollen, so lässt sich sicherlich keine absolute Garantie gegen eine solche Störung entwickeln. Erfahrungsgemäß ergibt sich dabei jedoch die Situation, dass die Anzahl der Randalierer bei weitem nicht so groß ist, wie die der anwesenden Fans. So erscheint es wichtig, den nicht an der Störung interessierten Fans Alternativen anzubieten, damit sie nicht sozusagen zwangsläufig (z.T. aus purer Langeweile) in Auseinandersetzungen geraten oder als gewaltfaszinierte Voyeure eine für die Sicherheitskräfte ohnehin schwierige Situation noch weiter erschweren.
Also quasi eine Separation durch attraktive Angebote, anstatt eine Stadt in eine zweigeteilte Festung zu verwandeln.

Das diese Anstrengungen belohnt werden können, zeigt das Beispiel der Fußballeuropameisterschaft 1996 in England, dem Mutterland des Fußballs, aber auch dem Vaterland des Hooliganismus: unzählige Konzerte, fußballthematische Ausstellungen, Unterhaltungs- und Geselligkeitsprogramme, Fan-Botschaften in den Stadtzentren schufen ein Klima, in dem sich die Fans willkommen geheißen und wohl versorgt sahen. Die Hooligans traten, wiewohl vor Ort, nicht in Erscheinung, sondern verhielten sich wie ihre Erstidentität, als Fußballfans.