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Die Fanprojekte 
Im Jahr 2008 feierte das Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS) sein 15-jähriges Bestehen. Mit der damit einhergehenden Einrichtung der Koordinationsstelle Fanprojekte bei der dsj (KOS) brach für die immerhin seit den 80er-Jahren arbeitenden Fanprojekte – das Fanprojekt in Bremen feierte 2006 sein 25-jähriges Bestehen! – eine neue Zeitrechnung an. Durch die im NKSS festgelegten verlässlichen Finanzierungszusagen der öffentlichen Hand sowie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) stieg die Zahl der Fanprojekte seit 1993 von einstmals 12 auf aktuell 44 (siehe „Zahlen und Fakten“, Broschüre Seite 52) an. Mit dieser seit der WM 2006 noch einmal spürbar gewachsenen Zahl wird eindrucksvoll belegt, wie sehr sich dieser immer noch innovative Arbeitsansatz der zielgruppenorientierten Jugendarbeit im Feld der Jugendhilfe, aber auch darüber hinaus etabliert hat.
Hier die Karte der aller aktiven Fanprojekte. Durch Klicken auf einen Standort gelangen Sie zur Beschreibung.
Mittlerweile zum sechsten Mal veröffentlicht die KOS den Sachbericht zum Stand der sozialen Arbeit mit Fußballfans in Deutschland. In kurzer prägnanter Form stellen sich auf den folgenden Seiten die 44 Fanprojekte mit ihren jeweiligen lokalen inhaltlichen Schwerpunkten vor und vermitteln einen Eindruck hinsichtlich der Vielfalt der Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten der pädagogischen Fanarbeit. Bei aller strukturellen Vergleichbarkeit besitzt jede Fanszene mit dem jeweils dazugehörigen Umfeld aus Verein, Polizei, Stadt, Politik und Jugendhilfe ihre ganz spezifischen lokalen Merkmale. Dementsprechend vielfältig sind die Initiativen der Fanprojekte vor Ort, wobei die konzeptionellen Grundlagen, wie sie im NKSS festgelegt wurden, überall gleich sind. In kritischer Begleitung der Fankultur sowie als kritische Lobby der jugendlichen Fans verstehen sich Fanprojekte zuallererst als anerkannte Instanzen der Interessenvermittlung. Die Arbeit zielt darauf ab, gewaltförmigem Verhalten sowie rassistischen und rechtsextremistischen Einstellungen in der Fanszene zu begegnen. Gleichzeitig geht es darum, die weiteren gesellschaftlichen Institutionen (Vereine, Polizei, Ordnungsdienste, Medien, Politik etc.) zu einem größeren Verständnis bzw. Engagement für Jugendliche zu bewegen.
Letzteres scheint insbesondere bei DFB und DFL gelungen zu sein. So reagierte der DFB in bemerkenswert positiver Form auf die Studie Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball, die im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaften durchgeführt wurde. Die darin gewonnene Erkenntnis, für Fußballfans gäbe es mit dem DFB und der Polizei zwei ausgeprägte Feindbilder, nahm der Fußballbund als erster Verband in Europa zum Anlass, den direkten Kontakt mit der Fanszene zu suchen. In Leipzig fand im Jahr 2007 ein großer bundesweiter Fankongress mit über 400 Fans von über 50 Fußballvereinen statt, der von der KOS inhaltlich maßgeblich mit vorbereitet wurde. Zu allen relevanten Themenbereichen (Repression, Kommerzialisierung, Rassismus, Diskriminierung) wurde ein Dialog begonnen, der seine institutionalisierte Fortsetzung in der bei DFB und DFL eingerichteten AG Fandialog gefunden hat, in der alle relevanten bundesweiten Fanorganisationen kontinuierlich mit DFB und DFL kommunizieren.

Die große Unterstützung der Fußballverbände für die Arbeit der Fanprojekte wird in den neuen Förderrichtlinien von DFB und DFL, die mit der Saison 2008/2009 in Kraft getreten sind, mehr als deutlich. Beide Fußballverbände haben die Höchstfördersumme für ein lokales Fanprojekt auf 60.000 Euro erhöht, unabhängig von der Liga, in der der Bezugsverein zu Hause ist. Ein Signal, das bei Kommunen und Bundesländern hoffentlich positiv aufgenommen und umgesetzt wird. Wir sind überzeugt, dass jeder Euro, der in diese Arbeit investiert wird, hervorragend angelegtes Geld für die Kinder und Jugendlichen der jeweiligen Kommunen und Länder ist, zumal jeder Euro der Fußballverbände über das Drittelfinanzierungsmodell auf drei Euro aufgestockt wird.
Fanprojekte leisten in den Städten wichtige Beiträge zur Jugendarbeit, da sie Treffpunkte und Freizeitaktivitäten anbieten und über das attraktive Medium Fußball auch Jugendliche einbinden, die von den Regeleinrichtungen nur schwer oder gar nicht erreicht werden können. Das dar jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Realität der lokalen Fanprojekte oft durch viel zu hohe Erwartungen auf der einen und strukturelle Defizite und personelle Unterbesetzung auf der anderen Seite bestimmt wird. Es sind durchschnittlich weniger als zwei Hauptamtliche in den Fanprojekten angestellt, die es aber häufig mit Fanszenen zu tun haben, deren Zahl in die Tausende geht. An dieser Stelle gibt es also noch deutlichen Entwicklungsbedarf, zumal das 1993 eingeführte Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS) modellhaft von drei hauptamtlichen Fachkräften für ein Fanprojekt ausgeht.
Um die Handlungssicherheit der Fanprojekte nach dem NKSS zu stärken, die lokalen Rahmenbedingungen, wo notwendig, zu verbessern sowie den Begriff „Fanprojekt nach dem NKSS“ inhaltlich noch schärfer zu konturieren, hat eine Arbeitsgruppe des KOS-Beirats unter Beteiligung von DFB, DFL, der Jugendministerkonferenz, der Sozialwissenschaften, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, der dsj und der KOS ein Konzept für ein Qualitätssiegel für die Arbeit der Fanprojekte erarbeitet, das im Laufe des Jahres 2009 als Selbstverpflichtung eingeführt werden soll. Über dieses Qualitätssiegel soll klargemacht werden: Nur wo Fanprojekt nach dem NKSS draufsteht, ist auch Pädagogik drin. Nur dort können langfristige und stabile Prozesse in der jugendlich dominierten Fanszene in Gang gesetzt werden, die zu einer Stärkung der positiven Fankultur beitragen.

Die Fankultur steht immer stärker unter dem Einfluss der Spannungsfelder einer zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs (Stichworte: Zerstückelung der Spieltage oder Verkauf der Namensrechte der Stadien) und einer mehrheitlich immer noch restriktiv vorgehenden Polizei. Hier beobachten die Fanprojekte mit einiger Sorge, dass jene Kräfte in den Kurven stärker werden, die gewalttätige Auseinandersetzungen suchen. Diese sind zwar (noch) deutlich in der Minderzahl, jedoch stellt diese Entwicklung wichtige Fragen an alle beteiligten Organisationen, auch an die Fanprojekte und die Polizei.
Für viele jugendliche Fußballfans stellt der zwangsläufige Kontakt zur Polizei im Rahmen von Fußballspielen eine regelmäßige Erfahrung mit den Hütern des staatlichen Gewaltmonopols dar. Leider werden die Fanszenen vielerorts noch undifferenziert als Problemgruppe betrachtet und dementsprechend behandelt (z. B. sog. „wandernde Kessel“ vom Bahnhof zum Stadion und zurück), was zum Aufbau eines Feindbildes Polizei in Teilen der Fanszene beigetragen hat. Die Fanprojekte stellen fest: Je kommunikativer, transparenter und differenzierter die Einsätze durchgeführt werden, desto höher die Akzeptanz polizeilichen Eingreifens und ganz generell der Institution Polizei bei den Jugendlichen. Aus diesem Grunde hat die KOS im Rahmen der 11. Bundeskonferenz in Dresden einen Prozess angestoßen, der von den Fanprojekten und auch der Polizei positiv aufgenommen wurde und schließlich in einen strukturierten und kontinuierlichen lokalen Dialog zwischen Polizei und Fanprojekten münden soll. Neben der Einführung des Qualitätssiegels für die Fanprojekte wird dies zukünftig einen der Schwerpunkte der Arbeit für die KOS und die Fanprojekte darstellen.
Seit dem Report Fanprojekte 2007 – Sachbericht zum Stand der sozialen Arbeit mit Fußballfans sind mit dieser Ausgabe die Standorte Aachen, Augsburg, Braunschweig, Chemnitz, Kaiserslautern, Lübeck, Magdeburg, Rostock und Zwickau neu hinzugekommen. Ein Beleg dafür, wie anerkannt der Arbeitsansatz der Fanprojekte mittlerweile ist. Mit dem Bundesland Sachsen ist im Jahre 2008 ein ehemaliges „Sorgenkind“ in den Kreis der Förderer der Fanprojekte eingetreten. Durch dessen langfristige Förderzusagen konnten die schon bestehenden Fanprojekte in Dresden, Aue, Chemnitz und Leipzig stabilisiert sowie das Fanprojekt Zwickau wieder in den Sachbericht aufgenommen werden. Letzteres freut uns bei der KOS aufrichtig, hat doch in Zwickau der Vorstand des Fanprojekts durch sein herausragendes Engagement über viele Jahre auf rein ehrenamtlicher Basis wenigstens einen Minimalstandard für die Arbeit garantiert, sodass die nun endlich eingestellten Pädagogen nicht bei Null anfangen müssen. Damit verweigert sich nur noch Baden-Württemberg als einziges Bundesland der Finanzierung von Fanprojekten. An dieser Haltung scheitert u. a. bis heute der von der Fanszene und vom Verein VfB Stuttgart gewünschte Aufbau eines Fanprojekts in der Landeshauptstadt.

Mit Braunschweig, Kaiserslautern und Rostock sind zudem Standorte von bedeutenden Traditionsvereinen des deutschen Fußballs hinzugekommen, wo die KOS teilweise schon vor 15 Jahren versuchte, die Strukturen vor Ort vom Sinn und Nutzen eines Fanprojekts zu überzeugen. Umso erfreulicher, dass an allen drei Standorten nicht nur stabile Projekte eingerichtet wurden, sondern dass dort auch die Grenzen für die Arbeit von Fanprojekten gesehen werden. Mit der Einrichtung eines Fanprojekts verschwinden die Problemlagen, die sich über Jahre entwickelt haben, ja nicht automatisch und schon gar nicht über Nacht, sondern im Grunde beginnt dann erst die Arbeit für all jene Institutionen, die die Verantwortung vorher gerne von sich gewiesen haben. Eine Arbeit, die die Einbindung der Jugendlichen zum Kern ihres Handelns gemacht hat. Mit der Einrichtung eines Fanprojekts steigen die Chancen, die vielfältigen positiven Potenziale der jugendlichen Fankultur für die Jugendlichen, aber auch für die Gesellschaft und den Fußballsport zu nutzen. Dies stellt im Kern die große Chance dar, die mit einem Fanprojekt verbunden ist. Betrachtet man die großen Fußballnationen der Welt, so ist genau dies die Einzigartigkeit der hiesigen Herangehensweise. In England können es sich Jugendliche und weniger gut Verdienende wegen der hohen Eintrittspreise nicht mehr leisten, Fußballspiele live zu besuchen. In Italien wurde die Fankultur von Vereinen nie konstruktiv eingebunden, sondern ausschließlich repressiv bekämpft, was zu massiven Problemen bei Gewalt und Rassismus geführt hat. In Deutschland hingegen tragen die vielen jugendlichen Fans auf den Stehplätzen der Stadien mit ihrem kreativen Support zur hohen Attraktivität des Fußballs und den entsprechenden Zuschauerzahlen bei.
Weil der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Dr. Theo Zwanziger, dies ebenfalls so sieht, zeigt er sich als großer Unterstützer der Fanarbeit. „Wenn es die Fanprojekte nicht schon gäbe, so müssten sie erfunden werden!“, so seine entsprechende Aussage im November 2008 im Sportausschuss des Deutschen Bundestages.
Michael Gabriel und Volker Goll
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