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09.02.2015

„Der Kampf um die Hegemonie in den Kurven findet wieder offener statt“

Angebote zur Fortbildung der Mitarbeiter_innen der Fanprojekte zu entwickeln sind Teil der Aufgabenbeschreibung der KOS. Derzeit läuft die Langzeitfortbildung „Rollback der Rechten in den Kurven? Fanprojekte im Umgang mit politisch aufgeladenen Konflikten in den Fanszenen“. Gerd Wagner von der KOS spricht im Interview über Notwendigkeit und Konzept der Workshopreihe.

Anfeindungen und Angriffe gegen antirassistische Ultragruppen, politisch aufgeladene Konflikte im Fanblock um Transparente, Fanfreundschaften und Gesänge – das Thema Rechtsextremismus beschäftigt Fans, Vereine und auch Fanprojekte. Die KOS bietet für Mitarbeiter_innen der Fanprojekte die Gelegenheit, sich in einer Fortbildungsreihe von insgesamt vier Workshops intensiv damit auseinanderzusetzen. Die ersten beiden Workshops liegen hinter den 25 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, der dritte findet vom 10. bis 12. Februar statt. Für die KOS nimmt Gerd Wagner an der Fortbildungsreihe teil. Er hat den Prozess der Fortbildung inhaltlich mitentwickelt und begleitet ihn nun kontinuierlich.

„Rollback der Rechten“, so steht es im Titel und in der Ankündigung – mit Fragezeichen. Habt ihr das schon beantworten können, und ist es überhaupt Teil der Fortbildung, diese Frage zu beantworten?

Gerd Wagner: So leicht ist es mit der Antwort nicht. Der Titel mit dem Fragezeichen ist ja gewollt gewählt, um sich damit laufend auseinander zu setzen. Letztlich kann nur jeder Fanprojektstandort für sich die Frage beantworten. Wir haben im ersten Modul der Fortbildung eine Art Bestandserhebung und Situationsanalyse der jeweiligen Fan- und Ultraszenen vorgenommen, um zu schauen, womit es die Fanprojekte vor Ort jeweils genau zu tun haben und auch womit nicht. Wir haben mittlerweile eine große Ausdifferenzierung, was die Zusammensetzung und das Zusammenspiel innerhalb der lokalen Fanszenen betrifft. Und nur wenn man sich darüber bewusst ist, wie sich einzelne Gruppierungen vielleicht verändert haben, kann man mit unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen und Methoden darauf reagieren.

In den letzten Jahren haben immer wieder Angriffe durch rechtsorientierte Gruppen für Schlagzeilen gesorgt. Wie schätzt ihr die derzeitige Situation ein?

Ja, wir müssen seit zwei, drei Jahren konstatieren, dass rechtsextreme Gruppen und Einzelpersonen wieder einen Aufschwung erleben. Der Untertitel „Umgang mit politisch aufgeladen Konflikten“ soll deutlich machen, dass es nicht nur um eine Rechts-Links Auseinandersetzung in einigen Fanszenen geht, sondern auch andere Faktoren eine Rolle spielen – welche Gruppe hat das Sagen in der Kurve, wer bestimmt wann und wie supportet wird und wie werden die Machtfragen entschieden? Allgemein stellen wir als KOS fest, dass das Wachsen der Ultrabewegung mit dafür gesorgt hat, dass der offene Rechtsextremismus in den Fankurven zurückgegangen ist. Eine wachsende Sensibilisierung der Öffentlichkeit, der Verbände, Vereine und der Fans auch durch die Arbeit der Fanprojekte und entsprechende Aktionen haben ebenfalls dazu beigetragen. Dennoch gibt es zu den erfreulich vielen antidiskriminierend agierenden Ultras eine deutliche Gegenbewegung, sie werden von klar rechtsextremen bis rechtsoffenen Gruppen angegriffen. Der Kampf um die Hegemonie in den Kurven findet wieder offener statt.

Einerseits lässt sich diese generelle Entwicklung konstatieren, gleichzeitig spielen aber doch lokale Faktoren auch eine große Rolle – beispielsweise die Stärke organisierter rechtsextremer Parteien oder Gruppen in der jeweiligen Stadt. Wie habt ihr das diskutiert?

Das hat in den ersten beiden Modulen einen großen Diskussionsraum eingenommen. Diese Perspektive ist auch sehr wichtig für Kolleg_innen aus den Standorten, die bislang in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht so im Fokus standen wie andere. Der kollegiale Austausch ist enorm wichtig, also aus erster Hand zu hören, was eigentlich in den einzelnen Städten passiert ist und wie die Fanprojekte darauf reagieren.

Was macht die besondere Situation von sozialpädagogischen Fanprojekten aus? Welche Herausforderungen stellen sich ihnen und welche besonderen Methoden und Zugänge haben sie, um damit umzugehen?

Die besondere Hausforderung für die Fanprojekte besteht nach meiner Auffassung darin, dass sie sich keinen Zugang zu irgendeiner Gruppe verbauen dürfen, sie müssen, wie wir das nennen, moderationsfähig bleiben. Es geht ja in der Fanarbeit darum, durch das Akzeptieren der Person oder einzelner Gruppen eine belastbare Beziehung aufzubauen und so auch inhaltliche Auseinandersetzungen zu ermöglichen. Das bedeutet nicht, mit ihren Ansichten einverstanden zu sein. Fanprojekte müssen ein klares Profil zeigen und deutlich machen, dass sie gegen jegliche Diskriminierung, für Gleichberechtigung und demokratische Werte ein stehen. Das ist gerade gegenüber Jugendlichen und jungen Erwachsenen wichtig, deren Persönlichkeitsbild noch nicht so gefestigt ist. Theoretisch klingt das sehr gut, aber in der praktischen Arbeit ist es alles andere als einfach. In dem Moment, wo es in der Szene echte Konflikte um die Hegemonie in der Kurve gibt, gerät auch das Fanprojekt zwischen die Fronten – das haben einige Beispiele gezeigt. Und zwar sowohl innerhalb der Fanszene als auch durch die öffentliche Berichterstattung. Gleichzeitig genießen die Fanprojekte in den jeweiligen Fanszenen eine hohe Akzeptanz, sie sind nahe dran an der Lebenswelt der Fans und haben somit beste Voraussetzungen, langfristig erfolgreich zu wirken.

„Kein Zugang zu irgendeiner Gruppe verbauen“ – das lässt sich aber kaum aufrechterhalten, wenn es zu Angriffen gegen Fans und auch Mitarbeiter_innen der Fanprojekte kommt?

Ja, eine wichtige Frage in dem Zusammenhang ist – und zwar auch weit vor möglichen Attacken – die eigene Abgrenzung, also „Ab wann macht eine pädagogische Hinwendung keinen Sinn mehr? Wie agiere ich professionell und wo sind angesichts auftretender Bedrohungssituationen meine Grenzen gesteckt? Das beschreibt den verständlichen Wunsch, neben dem professionellen Auftrag an die Fanprojektarbeit auch sich selber zu schützen. Da spielt auch die persönliche Haltung und Einstellung eine wesentliche Rolle – und die ist bei 54 Fanprojekte und fast 150 Mitarbeiter_innen natürlich nicht überall gleich.

Nun haben wir auch sehr aktuelle Entwicklungen: „HoGeSa“ in Köln und Hannover als Bewegung, die den Fußballbezug direkt im Namen trägt, und „Pegida“ und „Legida“, deren Kundgebungen in Dresden und Leipzig nach Berichten mit maßgeblicher Unterstützung von Fußballfans stattfinden. Hat das eine Rolle in der Fortbildung gespielt?

Ganz klar, ja. Beim zweiten Modul in Osnabrück waren die Ereignisse in Köln und Hannover und die teils auch persönlich gemachten Erfahrungen und Eindrücke von den HoGeSa-Veranstaltungen noch ganz frisch. Die Gruppe hat den Wunsch geäußert, die Ereignisse und deren mögliche Folgen für die Fanprojektarbeit gemeinsam zu diskutieren. Stichwort „Müssen wir uns zukünftig mehr den Hoolgruppen zuwenden wie in den 1980er- und 1990er-Jahren?“ Klar war aber schnell, dass für die pädagogische Arbeit der Fanprojekte oftmals belastend ist, gleichzeitig mit antidiskriminierend agierenden Fangruppierungen und mit rechtsorientierten Hooligans zu arbeiten. Und das nicht nur aufgrund begrenzter Ressourcen, sondern auch aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Eine denkbare Möglichkeit wäre die Kombination der offenen Jugendarbeit im Fanprojekt mit einer zusätzlichen aufsuchenden mobilen Beratungsstelle, die speziell rechts orientierte Jugendliche als Zielgruppe hat.

Sprechen wir noch etwas methodisch über das Seminar: Es gibt zwei Workshopleiter, mit Holger Jessel als Fachmann für Gewaltprävention und Psychomotorik und Helmut Heitmann als inhaltlicher Experte für Rechtsextremismus. Was macht dieses Setting aus?

Erste Erfahrungen mit einem Tandem-Team als Workshopleitung habe ich 2007/2008 gesammelt, als ich damals als Verantwortlicher des Projektes „am Ball bleiben“ gemeinsam mit der KOS die erste Langzeitfortbildung zum Thema Rechtsextremismus für Fanprojekte angeboten habe. Das hat sicherlich in der Vorbereitung auf die jetzige Fortbildung auch eine wichtige Rolle gespielt. Denn das Thema ist so komplex und vielschichtig, dass es für eine Person in der Verantwortung schwer bis unmöglich ist, allen Bedürfnissen der Gruppe und Einzelpersonen gerecht zu werden. Wir kennen beide Leiter aus jahrelanger Zusammenarbeit und waren uns sicher, dass sie sich hervorragend ergänzen. Holger Jessel stellt als jahrelanger Begleiter unserer Arbeit – er hat in unserem Auftrag nicht nur die Langzeitfortbildung „Gewalt bewegt – Wege aus der Gewalt“, sondern auch weitere Workshops mit Fanprojekten geleitet – an den richtigen Punkten die richtigen Fragen. Insbesondere der persönliche Umgang mit den Themen Gewalt und Rechtsextremismus, der einen notwendigen Schutzraum erfordert, wird durch sein Agieren immer gewährleistet. Helmut Heitmann wiederum ist ein absoluter Experte, was das Thema Rechtsextremismus angeht. Wir haben mit beiden die inhaltlichen Schwerpunkte entwickelt und festgelegt. Nach der Halbzeit sehen wir uns da auch durch die Rückmeldungen der Teilnehmer_innen bestätigt.

Für ein richtiges Fazit ist es nach der Hälfte der Zeit wohl zu früh, aber nach dem jetzigen Eindruck – Fortbildungen und Austausch ist das eine, was benötigen Fanprojekte an Unterstützung von außen, um sich dem Thema politischer Konflikte zukünftig stellen zu können?

Natürlich spielt die Frage der Ressourcen eine immer größere Rolle. Gerade wenn es etwa nur eine oder zwei pädagogische Kräfte in einem Fanprojekt gibt, ist es sehr schwer, professionelle Beziehungsarbeit mit jugendlichen Fußballfans zu ermöglichen. In der Fortbildung haben viele Kolleg_innen demzufolge klar geäußert, dass ihnen die Sicherheit im Umgang mit diesem Themenfeld fehlt, sie mehr Handlungssicherheit brauchen und sich oftmals alleine gelassen fühlen. Denn im Gegensatz zum Thema Gewalt, wo durch Polizei, Verein und Ordnungsdienst erheblich mehr Einfluss auf die Arbeit der Fanprojekte ausgeübt bzw. der Versuch dazu unternommen wird, halten sich die Institutionen beim Thema Rechtsextremismus eher raus. Die Fanprojekte sollen sich – so die Wahrnehmung vieler Kolleg_innen – um Probleme kümmern, die auch in der Gesellschaft ungelöst sind. Umso wichtiger ist so ein Angebot wie diese Langzeitfortbildung. Wir merken, dass wir damit auf einen deutlichen Bedarf stoßen.


Prof. Dr. Holger Jessel, Dipl.-Motologe, Professor für Kindheitswissenschaften an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, von 2003 bis 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Masterstudiengang Motologie an der Philipps-Universität Marburg, Promotion zum Thema „Psychomotorische Gewaltprävention – ein mehrperspektivischer Ansatz“, Dozent der Deutschen Akademie für Psychomotorik (dakp),, Vorstandsmitglied des Aktionskreises Psychomotorik (AKP), zahlreiche Fortbildungen zum Thema Gewaltprävention. Er leitete im Auftrag der KOS die Langzeitfortbildung „Gewalt bewegt – Wege aus der Gewalt“ - Psychomotorische Gewaltprävention im Arbeitsfeld Aufsuchende Sozialarbeit mit Fußballfans.


Helmut Heitmann, Dipl.-Pädagoge und Supervisor, mehrjährige Tätigkeiten an der Hochschule, im Jugendamt und im Jugendverband  sowie bei Freien Trägern der Jugendhilfe; Mit-Begründer der Fan-Projekte und Beteiligung an mehreren Bundesprogrammen zum Thema Gewalt und Rechtsextremismus.

Tätigkeiten als Dozent und Fortbildner/Trainer für Ministerien, Jugendämter, Bundeszentrale für politische Bildung, Hoch- und Fachhochschulen,  verschiedene (Sport-)Verbände (DFB, DFL und regionale Fußballverbände) und im Strafvollzug (zum Thema Extremismus).

Fachliche Schwerpunkte: u.a. Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, (Gewalt-) Prävention und Sport, Jugend- und Sozialarbeit mit „auffälligen“ jungen Menschen in schwierigen Lebenssituationen, Kriminalität, Konzeptentwicklung und (Selbst-)Evaluation.