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11.05.2017

„Männlichkeit muss ständig unter Beweis gestellt werden“

Fußball ist Männersache – das wird immer noch gern dahingesagt, und es ist auch etwas dran. Immerhin sind die Führungsetagen des Sports männlich dominiert, ebenso wie die ersten Reihen der Stehplatzkurven. Und um dort hinzukommen, gilt es, bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Wie genau es um Männlichkeiten und Weiblichkeiten in der Kurve steht, das untersuchen Robert Claus, Cristin Gießler und Franciska Wölki-Schumacher von der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Arbeit“ im Projekt „Kicks für Alle!“. In ihrer im vergangenen Dezember vorgestellten Expertise „Geschlechterverhältnisse in Fußballfanszenen“ nehmen sie die Kurven, ihre Vielfalt und ihre spezifischen Bedingungen unter der Perspektive Geschlechterverhältnisse in den Blick und fragen, welche Rolle diese in der sozialpädagogischen Fanarbeit spielen. Die Studie kann mit theoretischen Erläuterungen ebenso aufwarten wie mit konkreten Beobachtungen aus dem Fanalltag. Die Kurven, so ein Ergebnis, sind Orte, an denen junge Menschen sich enorme Fähigkeiten aneignen, Zugleich bringen sie jedoch enge Vorstellungen von Männlichkeit hervor, die zudem mit Gewalt verknüpft sind.

Gleich die unfaire Frage zu Beginn, was sind die wichtigsten Ergebnisse eurer Studie?

Robert Claus: Wir müssen Fanszenen wertschätzen, denn sie sind Orte, an denen junge Menschen lernen, etwas zu organisieren, zu kommunizieren, zu gestalten, sich zu vernetzen. Aus diesem oft sehr intensiven, wertvollen Peer-to-Peer-Lernen nehmen sie Wissen in ihre späteren Jobs mit. Die Fußballwelt schöpft aus diesem Talentpool der Fanszenen. Doch die Möglichkeit, als Fußballfan in einer Szene zu lernen, steht größtenteils nur Männern offen. Mädchen und auch homosexuelle Männer dürfen oft nicht teilnehmen. Und das hat Konsequenzen. Auch daraus erklärt sich, dass in den Redaktionen der großen Fußballzeitschriften und in den Gremien des DFB Frauen stark unterrepräsentiert sind – was dem demokratischen Gedanken von Teilhabe und Mitbestimmung widerspricht. Noch ein Ergebnis: In vielen Fanszenen herrscht ein altmodisches Verständnis von Männlichkeit, das nicht selten in Gewalt mündet. Im Fußball wird sehr viel über Gewaltvorfälle debattiert, aber das Thema Männlichkeit war bislang außen vor. Wir meinen aber, es lohnt sich darüber nachzudenken.

Ihr schreibt, die Frauenrolle im Stadion werde oft auf die des „gefälligen Spiegels“ reduziert. Aber gibt es beim Fußball nicht durchaus selbstbewusste Frauen?

Gießler: Natürlich gibt es sie, auch weil sie dort einen Freiraum finden. Wir können mit der Expertise keine Aussagen über das gesamte Fußballstadion treffen. Unser Blick ist wesentlich fokussierter. Wir haben uns die organisierten Fanszenen angeschaut, also Jugendkulturen. Im Stadion von 60.000 Zuschauern macht dieser Szenekern etwa ein paar hundert Menschen aus. Sie sind aber das Epizentrum der Kurve. Deshalb haben wir uns eben nicht irgendeinen Fanklub von Borussia Dortmund oder Werder Bremen angeschaut, sondern die Szene, die für die sozialpädagogische Arbeit relevant ist. Und das sind die organisierten Ultraszenen, die dominante Jugendkultur in der Kurve. Sie sind am sicht- und hörbarsten. Frauen und Mädchen sind auch dort allerdings unterrepräsentiert. Sowohl zahlenmäßig als auch in der Darstellung nach außen.

Welches Männlichkeitsbild herrscht in den von euch untersuchten Ultragruppen vor?

Claus: Es gibt diesen Appell, Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, und zwar durch Präsenz, Gewalt, Drogen, Durchsetzung, Aufstieg in der Hierarchie. Wollen junge Männer an der Fanszene teilhaben, dann sind sie gezwungen, diesem Bild nachzukommen. Dieser Appell wird konstant und dauernd gespielt: in persönlichen Gesprächen, in Gruppenkonflikten, auf Bildern in den Fanmedien. Durch diese stetige Wiederholung prägt er die Struktur der Szenen maßgeblich. Gleichzeitig wird vieles an diesem Verhalten gesellschaftlich sanktioniert. Es handelt sich also auch um eine Form protestierender Männlichkeit.

Wie hat sich die Geschlechterverteilung im Fußball verändert?

Gießler: Die WM 2006 stellt hier eine Zeitenwende dar. Das lag auch an den Um- und Neubauten der Stadien. Die Atmosphäre wurde insgesamt familienfreundlicher, das hat auch mehr Frauen überzeugt, ins Stadion zu gehen. Aber auch hier müssen wir unterscheiden. Reden wir vom Stadion oder vom Stehblock und da vielleicht noch von der Ultragruppe. Die Fanprojekte schätzen, dass dort der Frauenanteil nach wie vor bei nur 10 Prozent liegt. Frauen sind zwar in unterschiedlichen Funktionen Teil der Szenen, bleiben aber stark unterrepräsentiert.

Wie haben sich die Gewaltvorfälle in den letzten zehn Jahren verändert?

Claus: Der große Teil des Stadionpublikums bekommt heute von Gewaltvorfällen in den Stadien nichts mehr mit. Gewalt hat sich verlagert auf die Konkurrenz organisierter Fanszenen. Die Brutalität dort aber hat zugenommen. Das betrifft numerisch nur wenige hundert Zuschauer, das sind dann Schlägereien zwischen Ultras und Hooligans. Im europäischen Vergleich ist der deutsche Fußball dennoch leidlich befriedet. Das ist in Italien, Polen oder Russland ganz anders.

Wie ist die Arbeit an der Studie abgelaufen?

Gießler: Zusammen mit unserer Kollegin Franciska Wölki-Schumacher haben wir über einen Zeitraum von 18 Monaten qualitative Interviews mit 15 Fanprojekten und fünf Ultras geführt. Einzelne Gespräche dauerten zwei Stunden und länger. Ergänzend haben wir für die Studie die wichtigsten statistischen Kennzahlen aus den Fanprojekten abgefragt. Wir haben ergänzend Quellen aus Social Media und den wichtigsten Fanzines ausgewertet.

Inwiefern können Erkenntnisse der Studie denn für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Stadion sorgen?

Claus: Unsere Tipps sind an die Fanprojekte gerichtet. Wir müssen unseren Blick aufs Geschlecht schärfen. Wenn im Fanprojekt mit einer Gruppe gearbeitet wird, sollte man bewusst verstehen, welche Ideen von Männlichkeit und Weiblichkeit hier präsentiert werden. Und welche Anforderungen hier für junge Fans entstehen. Beim Fußball besteht das Sich-Beweisen in der Gruppe ganz oft darin, dem Gegner einen Schal zu klauen, bei einer Boxerei nicht auszuweichen. Die Unterdrückung eigener Emotionen und persönlicher Empfindungen ist eine der zentralen Kosten des Männlichkeitsdruckes. Weiblichkeit wird marginalisiert. Homosexuelle Jugendliche erleben Diskriminierungen, an deren Ende oft der totale Ausschluss steht. Da muss pädagogische Arbeit einen Blick drauf haben und Jugendlichen auch in der sozialen Arbeit Freiräume ermöglichen. Darüber hinaus muss das Thema sexualisierte Gewalt stärker behandelt werden.

Das klingt nach einer großen Herausforderung. Können Sozialarbeiter*innen das leisten – und wie?

Gießler: Die Erwartungen an Sozialarbeiter*innen sind tatsächlich hoch, und sie leisten bereits enorm viel. Eine ihrer Aufgaben ist es, an der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Fußballfans mitzuwirken. Das setzt immer auch Selbstreflexion voraus und die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechterrolle. Wir formulieren an der Stelle keine Zusatzaufgabe für die sozialpädagogische Arbeit im Fußball. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Fanprojekte sind weitestgehend gleich geblieben: das Verantwortungsbewusstsein der Jugendlichen fördern, Gewalt und Diskriminierung vorbeugen, Gleichberechtigung und einen gesunden Lebensstil aufbauen. Wenn es um den bewussten Umgang mit Geschlechterverhältnissen geht, sind die etwa 60 Fanprojekte auf sehr unterschiedlichem Stand. Die sozialpädagogische Antwort auf den Männlichkeitsappell muss heißen: Entlastung schaffen. Denn geschlechterreflektierte soziale Arbeit birgt das Potenzial, junge Menschen vom Druck zu entlasten, diesem Appell dauernd und intensiv folgen zu müssen. Soziale Arbeit kann damit auch wesentlich zur Bekämpfung von Sexismus und Homophobie beitragen.

Was gewinnt die Gesellschaft dadurch?

Gießler: Letztlich bedeutet dies auch, vor allem männliche Jugendliche von dem Druck zu entlasten, gewalttätiges Verhalten zeigen zu müssen, um Anerkennung zu bekommen. Es hat also gewaltpräventive Wirkung in Deutschlands größter Jugendkultur. Gleichzeitig werden die Ressourcen der Fanszene zugänglicher gemacht für alle Mitglieder der Gesellschaft. Das ist das demokratiefördernde Potenzial von geschlechterreflektierender Sozialarbeit. 

Das Projekt „Kicks für Alle! – Fußball. Fanszenen. Geschlechtervielfalt“ wird gefördert durch das Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ des BMFSFJ, den DFB, der Amadeo-Antonio-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Koordinationsstelle Fanprojekte ist als Kooperationspartner in das Projekt eingebunden.

Die im Dezember 2016 veröffentlichte Expertise kann hier heruntergeladen werden.