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11.08.2017

Lösungen gesucht: FSE-Kongress 2017 in Belgien

Mehr als 300 Fans aus ganz Europa trafen sich vom 6. bis 9. Juli in Gent und Lokeren in Belgien zum Kongress des europäischen Fannetzwerks „Football Supporters Europe“, kurz: FSE. Die Ausrichter vor Ort waren Fans der rivalisierenden Klubs KAA Gent und Sporting Lokeren, in deren Stadien das Programm der beiden Kongresstage am Freitag und Samstag stattfand. Das seit 2009 bestehende Netzwerk FSE ist ein unabhängiger, demokratisch organisierter Zusammenschluss von Fans und Fanorganisationen aus fast 50 europäischen Ländern, das u.a. von der UEFA finanziell unterstützt wird.

In Belgien wurde über ein breites Spektrum von Themen diskutiert: So stand die Flüchtlingsarbeit von Fangruppen, Vereinen und Verbänden ebenso auf dem Programm wie die WM in Russland vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen beim Confed-Cup. KOS-Leiter Michael Gabriel, der als Direktor der FSE-Abteilung Fanbotschaften fungiert, moderierte diesen Workshop.

Ein weiteres buchstäblich heißes Thema wurde im Diskussionspanel „Alternative Ansätze für Pyrotechnik“ verhandelt. In Deutschland ist diese Debatte nach dem Abbruch der sogenannten Pyrogespräche von einer deutlichen Verhärtung auf allen Seiten geprägt. Das hat unter anderem dazu geführt, dass Pyrotechnik verantwortungsloser eingesetzt wird und somit auch die Zahl der Verletzungen nach oben gegangen ist. Michael Gabriel von der KOS sagt: „Oftmals wird vergessen, dass seinerzeit das Bedürfnis nach Sicherheit der Anlass auf Seiten der Fans für die Entwicklung ihres Konzepts zur sicheren Verwendung von Pyrotechnik war. Sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, war sicher der richtige Weg.“

Aus der Perspektive alternativer Lösungen berichtete ein mehrheitlich skandinavisches Podium mit Lasse Bauer, Fanbeauftragter von Bröndby IF, Sofia Bohlin vom schwedischen Fandachverband Svenska Fotbollsupporterunionen (SFSU) und Hanne Mari Jordsmyr vom norwegischen Äquivalent, der Norsk Supporter Allianse (NSA), über den Umgang mit Pyrotechnik in ihren jeweiligen Ländern bzw. Vereinen. Ergänzt wurde die Runde durch Alex Wolf, den per Skype aus Florida zugeschalteten Vizepräsidenten des Orlando City SC. Im neuen, im März eröffneten Stadion des Klubs der Major League Soccer finden sich nicht nur Stehplätze, sondern auch ein „smoke device area“, ein Block also, in dem legal Rauchtöpfe verwendet werden können. Ein Wunsch der Fans, dem der Klub von Wolf nachgekommen ist und das mit bisher sehr positiven Erfahrungen. Orlando City gehört zu den MLS-Franchises mit der größten und sichtbarsten Fanszene, das Stadion ist voll. „Unsere Fans orientieren sich an Europa und Südamerika, für sie ist Pyrotechnik Teil der Fankultur“, sagt Wolf. In den USA sind Bengalos nicht erlaubt, Rauch jedoch schon, die Klubs bestimmen selbst über die Regeln für den Einsatz im Stadion.

Skandinavische Pragmatik

Unterschiedliche Länder, unterschiedliche Bestimmungen und unterschiedliche Auslegungen – das zog sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen der übrigen Diskussionsteilnehmer*innen. Sofia Bohlin, selbst Fan von IFK Göteborg, berichtete, dass es in schwedischen Stadien in den vergangenen Jahren viel Rauch und Feuer und viele Strafen für die Klubs gegeben habe. Seit einigen Jahren bestünde nun ein enger Dialog zwischen den Fans, Liga und Verband. Mit Folgen: Anders als beispielsweise in Deutschland werden Vereine nur noch bestraft, wenn sie Sicherheitsbestimmungen missachtet haben – beispielsweise durch zu wenig Ordner. Zudem bemühen sich Klubs, Verbände und Fans um eine Legalisierung von Pyrotechnik, es können Anträge für legale Pyroshows gestellt werden. „Allerdings ist davon bislang keiner genehmigt worden“, sagte Sofia Bohlin. „Das scheitert an der Polizei, alle anderen Akteure sind einverstanden.“ Ähnlich, aber doch anders ist es in Norwegen. Auch dort können Anträge für Pyroshows – allerdings nur während des Einlaufens der Teams – gestellt werden. „Die Polizei ist bei uns im Boot“, sagte Hanne Mari Jordsmyr. „Das Problem war die Feuerwehr.“ Sie wollte bestimmte Pyrotechnikartikel nicht akzeptieren, inzwischen importiere und verkaufe die NSA selbst Pyrotechnik und konnte den Einspruch damit umgehen. 80 legale Pyroshows fanden im vergangenen Jahr statt. „Wir wollen, dass Pyrotechnik sicher verwendet wird, und haben damit gute Erfahrungen gemacht“, sagte Jordsmyr.

Einen wiederum anderen Weg geht der Erstligist Bröndby IF. Die dänische Gesetzgebung unterscheidet zwischen „heißer“ und „kalter“ Pyrotechnik, zu ersterer gehören – verbotene – Bengalen, für die der Klub die höchsten Strafgelder im Land zu zahlen hatte. Zu letzterer erlaubte Rauchtöpfe. In Kooperation mit den Fans des Klubs, dem dänischen Fandachverband und erfinderischen Pyrotechnikern aus China, dem Land mit der wohl größten Expertise, hat Bröndby IF sich an eine Lösung gemacht: die Entwicklung „kalter“ Fackeln. „Unsere Ultras testen die Prototypen, die so gut aussehen und leuchten sollen wie echte Bengalos, aber ungefährlich sind“, erzählte der Fanbeauftragte Lasse Bauer. Interesse an den dänischen Entwicklungen, deren endgültige Fassung und behördliche Zulassung noch aussteht, gibt es auch aus anderen Ländern.

Bekanntes Problem

Einer der interessierten Zuhörer im Publikum war Mats Enquist, Geschäftsführer der schwedischen Liga. Er konnte aus Perspektive der Liga bestätigen, dass die Aufnahme von Gesprächen mit den Fans Bewegung in eine verfahrene Situation gebracht habe. „Ohne Fans geht es für uns nicht“, sagte er. „Wir haben gesehen, dass die Verbote nicht helfen. Wir brauchen eine Lösung.“ Die Debatte um Pyrotechnik auf dem FSE-Kongress hatte kurz zuvor zusätzliche Dynamik erhalten, da die UEFA eine Pressemitteilung über eine neue Studie zur Sicherheit von Pyrotechnik veröffentlicht hatte. Die Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass Pyrotechnik gefährlich ist, wurde von der verbandseigenen Arbeitsgruppe zu Pyrotechnik beauftragt, der auch FSE angehört. „Die Gefährlichkeit von Pyrotechnik ist eine Tatsache, der sich Fans immer bewusst gewesen sind“, so heißt es im Statement von FSE zu der Studie. „Wir sind weiterhin überzeugt, dass Repression nicht die Antwort auf die aktuelle Situation ist und alternative Zugänge notwendig sind.“ Auch in der Publikumsdiskussion war die Studie Thema, ihr Ansatz wurde vom schwedischen Ligageschäftsführer Enquist als wenig hilfreich beschrieben. „Wir wissen, dass wir ein Problem haben“, sagte er. „Ich würde mir eine Studie wünschen, die nach Lösungen sucht.“

Die Diskussionsbeiträge vom Podium und aus dem Publikum machten deutlich, dass sich erst dann etwas konstruktiv bewegt, wenn sich Fans, Vereine, Verbände und Sicherheitsbehörden zu einem Dialog entschließen. Dazu sagt Michael Gabriel von der KOS: „Gerade die positiven Beispiele aus Skandinavien sollten Anlass für die Verantwortlichen in Deutschland sein, sich aus der Konfliktspirale zu lösen, um gemeinsam mit den Fans nach Lösungen zu suchen, die zu mehr Sicherheit führen. Klar ist, dass alle bereit sein müssen, neue Wege zu gehen.“

Ob verboten, geliebt oder verhasst – Pyrotechnik wird aktuell in vielen Kurven eingesetzt und ist dadurch ein Konfliktherd. Sowohl der Bericht von der strukturell so ganz anders funktionierenden US-amerikanischen Liga als auch die Erfahrungen aus den kleinen skandinavischen Ligen zeigen einen vor allem pragmatischen und lösungsorientierten Umgang mit dem Thema.