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01.09.2017

Fanprojekt Heidenheim: Herausforderung nach Bilderbuchstart

Seit 2015 besteht auch am Zweitligastandort Heidenheim ein Fanprojekt. In der württembergischen Kleinstadt kümmern sich zwei Sozialpädagogen um die noch junge, aber aktive Fanszene. Bundesweit sorgte zuletzt die Unterstützung der Heidenheimer Ultras für die Fans von Eintracht Braunschweig für Aufsehen. Da der Heimblock des Eintracht-Stadions wegen Fanvergehen beim Spiel gegen den 1. FC Heidenheim gesperrt war, kauften die Heidenheimer zusätzliche Karten und verteilten sie an die Braunschweiger Ultras. „Meiner Beobachtung nach ist das Teil der Solidarisierung, die sich gerade insgesamt bemerkbar macht. Ultras schließen sich vereinsübergreifend zusammen, um unter anderem gegen Kollektivstrafen zu protestieren“, sagt Angelo Bianco vom Fanprojekt Heidenheim. „In Braunschweig haben die Gruppen nebeneinander gestanden, es gab gemeinsame Gesänge gegen den DFB, aber es ist alles absolut friedlich geblieben.“ Im Interview berichtet Angelo mehr über die Heidenheimer Fanszene, die Anfangszeit des Fanprojekts und die Pläne für die Zukunft.

Erzähl uns doch zunächst einmal etwas über das Fanprojektteam. Wer seid ihr und wie seid ihr zu der Arbeit gekommen?

Angelo Bianco: Das feste Team sind mein Kollege Markus Kaiser und ich, das heißt wir haben aktuell zwei volle Stellen und werden zudem vom Geschäftsführer unseres Trägers G-recht e.V. als operativem Leiter unterstützt. Markus hat in einem dualen Studium Sozialpädagogik studiert und damals schon bei der Stadt Ulm in der Streetwork gearbeitet. Ich habe Sozialwissenschaften in Augsburg studiert und danach bei unserem heutigen Träger G-Recht e. V. in Heidenheim angefangen. Als dann das Fanprojekt in den Startlöchern stand, war ich schon da und habe daher auch die Anfänge mitbekommen.

Wie ist das Fanprojekt entstanden, woher kam der Impuls dazu?

Von den Fans. Die Szene in Heidenheim ist noch recht jung, Ultrakultur gibt es hier erst seit etwa zehn Jahren. Aber die Fans sind natürlich alle bundesweit vernetzt und wissen, was Fanprojekte an anderen Orten bewegen können. In Heidenheim haben damals die Fans beim Verein mit der Idee angeklopft und sind dort bei der Fanbetreuung und auch bei der Stadt auf offene Ohren gestoßen. Es gab dann einen Runden Tisch, bei dem Volker Goll von der KOS die Hintergründe der Arbeit vorgestellt hat. Die Stadt ist dann auf G-Recht als möglichen Trägern zugegangen, das war Ende 2014. Meine Kollegen hatten eher wenig mit Fußball zu tun, ich hab dagegen in hier in Heidenheim schon immer Fußball gespielt und konnte mir das gut vorstellen – und das war es dann. Unser offizieller Start war im Sommer 2015, mein Kollege Markus ist im Oktober 2015 dazugekommen.



Das klingt ja nach einem Bilderbuchstart. An vielen anderen Standorten sind Fanprojekte erst dann ins Leben gerufen worden, wenn es schon zu größeren Konflikten gekommen war hat.

Ja, das stimmt. Der Gedanke war eben, dass die Fanszene noch jung ist, man deswegen gut präventiv ansetzen kann und das Fanprojekt und Fanszene sich quasi gemeinsam entwickeln können. Für uns als Mitarbeiter war es am Anfang natürlich wichtig, Zugang zu finden, das ist bei einer Subkultur wie der Ultraszene nicht so leicht. Aber dass der Impuls von den Fans kam, hat die Sache sicher vereinfacht. Und dass ich selbst aus Heidenheim bin, hat wahrscheinlich auch ein bisschen geholfen.

Du hast es vorhin schon gesagt, die Fanszene ist noch nicht so alt – wie ja der ganze heutige Verein. Wie sieht eure Zielgruppe aus?

Die führende Gruppe sind die Ultras der „Fanatico Boys“, die jetzt demnächst ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Dann gibt es noch deren Nachwuchs, die „Youngstars“, und mit den „Societas“ eine weibliche Ultrasektion. Die Mädels sind sehr engagiert, zusammen mit den „Societas“ haben wir im Fanprojekt auch schon eine Veranstaltung zu Sexismus gemacht, das war eine coole Sache und ein Thema, das hier in der Kleinstadt auch nicht täglich diskutiert wird. Dann gibt es noch einen ultranahmen Zusammenschluss unter dem Namen „Unitas Aquileiae“, das ist die zweite große Gruppe, die mittlerweile auch schon einige Choreos gemacht haben. Insgesamt sind das so 150 junge Fans, die sich da in der aktiven Fanszene bewegen.

Wo kommen die Fans und Zuschauer_innen her? Das Einzugsgebiet geht ja sicher über Heidenheim hinaus?

Genau, die Stadt hat nur 50.000 Einwohner_innen, aber ein großes Umland mit Dörfern und Städtchen. Da kommen die Jugendlichen vor allem her, die sich bei uns im Fanprojekt treffen und ins Stadion gehen. Insgesamt hat der 1. FC Heidenheim in der zweiten Bundesliga einen Schnitt von gut 11.000, das ist für eine so kleine Stadt sehr viel. Der regionale Bezug über Ulm bis Geislingen ist groß.

Wie schaut es mit Rivalitäten aus? Gegen wen spielt Heidenheim seine Derbys?

Ein Derby mit einer gehörigen Portion Rivalität gibt es gegen den VfR Aalen, das hat sich so entwickelt, durch die geringe Entfernung von 17 Kilometern, aber auch etwa durch politische Differenzen zwischen den Fanszenen. Aalen ist ja in der Saison 2014/2015 abgestiegen, als Fanprojekt haben wir daher aktiv noch kein Derby miterleben können. Dann gibt es noch den SSV Ulm, die spielen jetzt wieder in der Regionalliga, aber mit eher wenig Fanaufkommen. Das Spiel gegen den VfB Stuttgart im letzten Jahr war für die Fans übrigens kein Derby, Heidenheim war schließlich lange VfB-Einzugsgebiet, bevor es hier im Ort Profifußball gab.

Wie es denn überhaupt mit dem Tradition? Anders als der VfB wird Heidenheim ja nun nicht als Traditionsklub wahrgenommen.

Als wir mit der Arbeit angefangen haben, haben wir das sogar bei den Kolleginnen und Kollegen in der Fanprojektlandschaft gemerkt, dass es da ein gewisses Misstrauen gab – als wäre Heidenheim ein bisschen wie Hoffenheim oder RB Leipzig. Aber hinter dem Verein steht nicht ein großer Investor, sondern vor allem ganz viele Kleinsponsoren. Hier wird jeder mit offenen Armen empfangen und kann auch mitgestalten. Der Verein soll eher nachhaltig wachsen, und es geht viel darum, auch die Werte der Region zu vermitteln.

Welche sind das?

Akribisches, solides Arbeiten, Bescheidenheit, Fleiß und regionaler Bezug. Das gilt übrigens auch für das Spielsystem, es gibt keine individuellen Stars, sondern es geht eher übers Kollektiv. Das sind Dinge, die der Fanszene ebenfalls am Herzen liegen – wenn wir jetzt auch an Themen wie Ausgliederung und Mitbestimmung denken. Das familiäre Verhältnis, das wir hier in Heidenheim haben, ist sehr wichtig.

Wie schaut es mit der Infrastruktur des Fanprojekts aus?

Wir haben im Februar 2016 die Eröffnung unserer Räumlichkeiten feiern können. Weil wir über unseren Träger gut in der Stadt vernetzt sind, haben wir eine perfekte Lokalität gefunden, nämlich eine alte Schreinerei, die wir mit den Fans zusammen umgebaut haben. Das ist heute dreimal die Woche ein offener Treff, wo wir klassische Jugendarbeit machen. Auch an Spieltagen trifft sich die Fanszene hier vor dem Spiel, um dann gemeinsam zum Stadion zu fahren. Der Träger und wir haben direkt nebenan auch Büroräume, alles in zentraler Lage.

Das klingt alles ja fast zu perfekt. Gibt’s denn bei euch gar keine Schwierigkeiten?

Ja, tatsächlich gibt es aktuell einige Probleme. In einer Subkultur, die sich Widerspruch und freie Meinungsäußerung auf die Fahnen schreibt, bleibt das nicht aus. Es gibt derzeit große Meinungsverschiedenen zwischen Verein und einer Fangruppe, da sind wir als Fanprojekt gefragt. Der Verein hat gerade 13 Hausverbote ausgesprochen, darunter gegen Führungspersonen der Gruppe, das ist für so eine kleine Szene eine ganze Menge – und für uns eine große Herausforderung. Aber genau dafür sind wir ja auch da, um als Mittler zu fungieren und einen Teil dazu beizutragen, dass es wieder besser läuft.

Habt ihr als Fanprojekt für die kommenden Monate besondere Aktionen geplant?

Unser nächstes großes Projekt ist eine Antidiskriminierungswoche in der ersten Oktoberwoche mit Vorträgen, einem Spieltag unter diesem Motto und einer Fahrt in die Gedenkstätte Dachau. Da arbeiten wir mit Fanszene und Verein zusammen und wollen diese Themen in unsere eher ländlichen Gefilde bringen. Daran haben sowohl der Klub als auch die Fans ein großes Interesse, und wir natürlich auch, insofern bin ich ganz zuversichtlich, dass wir das trotz der aktuellen Schwierigkeiten gut hinkriegen werden.

Mehr zum Fanprojekt Heidenheim gibt es auf der Website