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24.12.2016

Fussball I Fan I Kultur im Gespräch – vom Für und Wider der personalisierten Tickets

Wenige Stunden  vor der ersten Veranstaltung  der Reihe „Fussball|Fan|Kultur  im Gespräch“  zum Streitthema personalisierte Tickets verkündete das DFB Sportgericht die Aufhebung  der Personalisierungsauflage  für die Auswärtsspiele von Eintracht Frankfurt in der Rückrunde. Dennoch konnten die etwas mehr als siebzig Besucher*innen, die den Weg ins Haus am Dom fanden, einer lebhaften und kontroversen Diskussion, moderiert von Christoph Ruf (freier Journalist und Autor) beiwohnen.

In die Brisanz der Thematik führte Michael Gabriel (Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte) ein: „ Regelmäßig wenn es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen beim Fußball kommt, ertönt die Forderung, doch ‚endlich’ eine Personalisierung der Eintrittskarten einzuführen. So etwa nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2016 gegen die Ukraine, bei dem deutsche Hooligans in der Innenstadt von Lille ukrainische Fans angriffen – wohlgemerkt im öffentlichen Raum.“ Aus den Forderungen von Politik, Medien und Sicherheit  ergebe sich ein Spannungsfeld, welches zunehmend das Verhältnis zwischen Vereinen und ihren Fans belastet.

Während Jürgen Lankes (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, ZIS) und Helmut Spahn (Präsident Offenbacher Kickers, ehemals Sicherheitschef der WM 2006) personalisierte Tickets im Fußball  abhängig von der Lagebewertung der Spiele als eine mögliche Maßnahme in Betracht zogen, wies Daniela Wurbs  (ehemals Geschäftsführerin von Football Supporters Europe, FSE) auf die Gefahr von  Kollektivstrafen für den Fußball insgesamt hin. In anderen Ländern - wie in Italien und in der Türkei - hätte die Einführung von Fanausweisen und personalisierten Tickets zu einem massiven Rückgang der Zuschauerzahlen geführt, aber mitnichten zu einer Abnahme von Gewalt. Tagesaktuell konnte Henning Schwarz (Vorstand Fan- und Förderabteilung Eintracht Frankfurt) etwas über die Hintergründe der Aufhebung der Personalisierungsauflage des DFB-Sportgerichts berichten. Polizeieinsatzleiter an drei Bundesligastandorten hätten diese Vorgabe des Verbandes problematisch bewertet. Auch die gastgebenden Vereine hätten die Auflage kritisch gesehen, weil sie aus deren Perspektive potenziell die Sicherheitslage verschlechtert hätte. Befürchtet wurde unter anderem, dass sich Fans der Eintracht Karten für andere Stadionbereiche besorgen könnten und es in der Folge zu ungewollten Durchmischungen der Fanszenen kommen könnte.  Beispiele hierfür gibt es genügend, so Schwarz.

Markus Mau (Schalker Fanprojekt) und Henning Schwarz (Vorstand Fan- und Förderabteilung Eintracht Frankfurt) stimmten in ihrer Bewertung  überein, dass kollektive Strafen nicht die Selbstregulierung unter den Fans fördert sondern vielmehr zu einer Solidarisierung mit den Tätern führt. Ein Sicherheitsproblem ausgehend von Fußballfans rund um die Stadien gebe es nach wie vor nicht in der oftmals behaupteten Dimension, so Helmut Spahn. Bei jedem Oktoberfest gebe es mehr Verletzte als in einer Bundesliga-Saison. So seien im letzten Jahr fast 23 Millionen Zuschauer*innen in den deutschen Stadien unterwegs gewesen, es habe aber „nur“ 500 Verletzte durch Fremdverschulden gegeben. Insgesamt müssten sich die Stadionbesucher*innen darüber im Klaren sein, dass sie einen privatrechtlichen Vertrag mit den Vereinen eingehen, der die Rahmenbedingungen setze und Rechte und Pflichten regelt. Eine pauschale Kritik an der Polizei wies  Jürgen Lankes mit Beispielen der verbesserten Kommunikationskultur der Polizei zurück. An dieser Stelle gaben Markus Mau und Daniela Wurbs aus der Perspektive der Fans zu bedenken, dass  diese Kommunikation häufig einseitig verlaufe und nicht als ein Dialog auf Augenhöhe empfunden würde. 

Aus dem Publikum, unter dem sich Fans mehrere Vereine befanden (u.a. Eintracht Frankfurt, Darmstadt 98 und Kickers Offenbach), wurden eine Reihe von Einwänden und Bedenken hinsichtlich des Nutzens von Kollektivstrafen für die Sicherheitslage geäußert.  Was eine Personalisierung der Tickets, im Endeffekt also eine Liste mit mehreren tausend Namen aller Ticketinhaber, für die Sicherheit  tatsächlich bringe, konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden.   Abschließend wurde mehrfach die Erwartung an das DFB-Sportgericht formuliert, sich den negativen Auswirkungen von Kollektivstrafen nicht länger zu verschließen.

Mit dieser ersten Veranstaltung feierte die neue Reihe Fussball I Fan I Kultur im Gespräch eine erfolgreiche Premiere. Fussball I Fan I Kultur im Gespräch ist ein gemeinsames Projekt der Koordinationsstelle Fanprojekte und der Deutschen Akademie für Fußballkultur aus Nürnberg. Die nächste Veranstaltung wird im März 2017 im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus stattfinden und sich mit der Fragestellung befassen, warum vergleichsweise so wenige Menschen mit Migrationserfahrungen in den Stadien des deutschen Profifußballs zu finden sind.